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10.7.2007 - Xena und die HackordnungAls Außenstehender werden Sie es wahrscheinlich kaum glauben: Aber es gibt eine regelrechte Hackordnung unter den Astronomen. Eine Art soziale Stufenleiter. Dabei sollte man eigentlich annehmen, dass hoch intelligente Menschen die gemeinsam eine lange, exorbitant teure Ausbildung in allerlei esoterischen Wissensgebieten genossen haben, eines Tages eine egalitäre Gemeinschaft Gleichgesinnter wären.Weit gefehlt. Es gibt da eine ziemlich verrückte Stufenleiter des Ansehens. Und das geht so: Je amorpher und abgelegener das Studienobjekt, desto höher ist das Ansehen der Leute, die es betreiben. Dementsprechend rangieren innerhalb der astronomischen Gemeinschaft die Kosmologen über allen anderen. Ihre Studien basieren beinahe vollständig auf Mathematik. Sie würden nie auf die Idee kommen, ihre Zeit mit langweiligen Beobachtungen am Teleskop tot zu schlagen. Lieber weisen sie mittels hoch komplizierter Gleichungen die Nichtexistenz Gottes nach. Einen Rang unter den Kosmologen bewegen sich die Astronomen, die den Kosmologen zuarbeiten. Das sind die Leute, die beispielsweise der kosmischen Hintergrundstrahlung nachstellen. Oder schwarzen Löchern. Oder Quasaren. Also Dingen, die man nicht wirklich sehen kann. Eine weitere Stufe tiefer stehen die Leute, die sich mit der Bildung der Galaxien beschäftigen. Noch einen Schritt drunter kommen dann die, deren Thema die Bildung von Sternen ist. Und damit haben wir den Bodensatz fast erreicht. Wir sind beim gemeinen Fußvolk. Wenn man die astronomischen Fachpublikationen wirklich genau liest, und damit meine ich WIRKLICH genau, also "zwischen den Zeilen", dann werden Sie, geneigter Leser, schnell erkennen, dass die "Schwarze-Löcher-und-Quasar-Fraktion" mit ziemlicher Verachtung auf ihre Kollegen herabblickt, die sich für so banales Zeug wie die Bildung von Sternen aus Staub und Gas interessieren. Aber immerhin stehen die noch eine Stufe über den absoluten Proletariern unter den Astronomen: den Planetenforschern. Also Leuten, die sich dafür interessieren, wie sich Planeten bilden. Darunter gibt es nur noch die "Kaste der Unberührbaren", die "so genannten "Astronomen, die Asteroiden und Kometen suchen". Sie bekommen die gesammelte Geringschätzung ihrer Kollegen ab, obwohl, oder wahrscheinlich gerade, weil ihre Erkenntnisse die einzigen sind, welche der Mann und die Frau auf der Straße noch kapieren können. Die Elite- Astronomen sind der festen Überzeugung, dass es völlig irrelevant ist, feste Objekte zum Gegenstand astronomischer Studien zu machen. Wer das will, kann auch gleich Biologie studieren. In den astronomischen Institutionen und Gremien hört man ständig Klagen über "diese Leute", die wertvolle Beobachtungszeit des Hubble Space Telescopes mit der völlig belanglosen Beobachtung des Jupiter oder irgendwelcher Kometen verpulvern. In den frühen 90er Jahren, als David Levy zusammen mit dem verstorbenen Eugene Shoemaker den Kometen entdeckte, dessen Namen er mit ihm teilt, konnte er als "Planeten-Astronom" keinen Job finden. Heute kann er sich immerhin als Reporter für allgemeine Weltraumthemen in Zeitschriften wie dem Time Magazine oder National Geographic halbwegs über Wasser halten. Das Wissen um die Hackordnung findet sich übrigens auch in der offiziellen Politik der Weltraumorganisationen wieder. Zumindest bei der NASA. Bei der ESA ist es nach wie vor Fakt, dass eine Astronomie-Mission umso wahrscheinlicher durchgeführt wird, je "esoterischer" das zu Grunde liegende Thema ist. Momentan werden in der europäischen Raumfahrt beispielsweise nicht weniger als drei Missionen für den Nachweis von Gravitationswellen geplant, aber nur eine einzige, die - als Nebenprodukt - das Aufspüren extrasolarer Planeten zum Ziel hat. Auch den NASA-Managern war das bekannt. Sie wussten, wenn sie nicht per Dekret den Planetenwissenschaftlern Beobachtungszeit auf dem Hubble Space Telescope zuordnen, würden die nie welche bekommen. Und so bestimmten die NASA-Offiziellen, dass zehn Prozent der Hubble-Beobachtungszeit der Planeten-Astronomie vorbehalten sind. Derzeit gibt es aus der Astro-Elite schon wieder Angriffe gegen Vorhaben wie den Terrestrial Planet Finder (TPF), ein großes Weltraumteleskop der NASA, das irgendwann im nächsten Jahrzehnt erdähnliche Planeten in Umlaufbahnen um andere Sonnen aufspüren soll. Dieses Vorhaben erlebte ein kurzes Hoch, nachdem Präsident Bush seine Vision für eine Space Exploration Initiative bekannt gab. In der Zwischenzeit sind den Planetenforschern die Flügel schon wieder gestutzt worden, und die astronomischen Elitezirkel mosern erneut über die Unwichtigkeit der Entdeckung von Leben irgendwo im Weltraum, angesichts der von ihnen zu klärenden Frage, warum und ob es überhaupt einen Urknall gegeben hat. Und trotzdem. Jetzt und heute gibt es eine Möglichkeit für die Planetenforscher, aus dem Ghetto auszubrechen. Natürlich werden sie nicht den Respekt der Kosmologen bekommen. Das wird nie der Fall sein. Nie. Aber für die Öffentlichkeit können sie zu den Superstars der Astronomie werden. Die Beobachtung eines planetaren Objektes, das größer ist als Ex-Planet Pluto und sich obendrein auf einem hoch exzentrischen Orbit befindet, scheint nichts weniger als einen Paradigmenwandel im Verständnis unseres Sonnensystems herbeizuführen. Die Astronomen, die das Objekt gefunden haben, nannten es übrigens Xena, nach der Kriegerprinzessin, die man vor ein paar Jahren auf Unterschichtsendern wie RTL 2 oder Tele 5 im Fernsehen bewundern konnte. Sie haben ihre Entdeckung an die Internationale Astronomische Union (IAU) gemeldet, die Schiedsgerichtstelle aller astronomischen Entdeckungen. Von dort wird das Objekt dann einen Namen verpasst bekommen. Natürlich lautete dieser Name nicht Xena. Schade eigentlich. An der Frage, ob die IAU das neue Objekt als "Kleinplanet" bezeichnen sollte, oder doch lieber als "Planet", schieden sich dann die Geister. Die IAU, niemanden wird es überraschen bei einer behördenähnlichen Institution, hat ein hoch kompliziertes Regelwerk, das der Öffentlichkeit komplett unbekannt ist. Den meisten Astronomen übrigens auch. Die Komitees der IAU treffen eine genaue Unterscheidung zwischen Kleinplaneten (Original: minor planets), also Asteroiden, Kometen und sonstiges Geröll in einer Sonnenumlaufbahn und "richtigen Planeten" (Original: major planets). Dummerweise nur gibt es innerhalb der IAU keine klare Trennlinie, wo denn nun der Kleinplanet aufhört, und der richtige Planet anfängt. Als Pluto im Jahre 1930 entdeckt wurde, fiel er ganz automatisch in die Kategorie "richtiger Planet". Einige Mitglieder des IAU denken, dass das ein Fehler war. Dieses kleinliche Gezänke ist natürlich Bullshit. Was um alles in der Welt sollte die Planeten-Astronomen dazu veranlassen, ihr Betätigungsfeld auch noch selbst zu degradieren, wo es im Ansehen der Kollegen ohnehin schon fast unter der Grasnarbe liegt. Höchstens kleinliche wissenschaftliche Pedanterie. Man kann nur hoffen, dass sich hier der gesunde Menschenverstand durchsetzt. Die Entdeckung von Xena führt zu ganz anderen Ausblicken als bloßer astronomischer Erbsenzählerei. Wenn es da draußen Xena gibt, dann gibt es da vielleicht noch andere Objekte, die größer sind als Pluto. Und wenn Pluto ein Planet ist, dann wäre es automatisch jedes andere größere Objekt auch. Diese Überlegung hat Pulto schließlich zwar nicht Kopf und Kragen gekostet, aber immerhin den Planetenstatus. Schon die Möglichkeit, einen Kometen zu finden (und ihn dann mit dem eigenen Namen auszustatten), begeistert Menschen. Die Möglichkeit einen ganzen Planeten im eigenen Sonnensystem aufzuspüren wäre noch um ein Mehrfaches attraktiver. Doch dazu wird es wahrscheinlich einiges an Hilfstruppen brauchen, die Amateure. Professionelle Astronomen müssen zugeben - ob sie es ihnen nun gefällt oder nicht - dass Amateure viel zu ihrer Disziplin beigetragen haben. Einfach durch den Umstand, dass viel zu viel Himmel da ist, als dass die Profis alles alleine unter die Lupe nehmen könnten. Allerdings werden die Leute an der Spitze der astronomischen Nahrungskette darüber insgeheim die Nase rümpfen. Die Art von Fragen die sie für alleine relevant halten, erfordern als absolutes akademisches Mindestmaß einen Doktortitel, besser aber zwei und dazu eine ordentliche Professur. Und sie brauchen riesige, teure Instrumente und nicht etwa einen Acht-Inch-Meade oder Celestron auf einem Dreibein-Stativ im Hausgarten, womöglich noch bedient von einem dreizehnjährigen Mädchen und ihrem kleinen Bruder. Immerhin. Während einige Gebiete der Astronomie immer abgelegener werden, gibt es andere, die sich zur Demokratie hin entwickeln. Da wäre das Projekt des Large Synoptic Survey Telescope, das leider immer noch in der Entwurfsphase ist, aber eines Tages in Chile oder Mexiko stationiert sein wird. Dieses Teleskop wird ein so weites Beobachtungsfeld haben, dass es alle drei Tage den ganzen Himmel abscannen kann. Das wird es automatisch tun, und alle Daten werden in eine öffentlich zugängliche Website gepumpt, auf die jeder Zugriff hat. Das bedeutet, dass jeder Amateur, ausgerüstet mit einem guten Computer und der passenden Software, theoretisch größere Entdeckungen machen kann. Und was für Entdeckungen werden das sein? Da sind wir wieder bei unserer Kriegerin. Eine der neuesten Theorien der Bildung unseres Sonnensystems, die gerade zirkuliert und zügig an Bedeutung zunimmt, ist bekannt unter dem Begriff "Oligarchisches Wachstum von Planetesimalen". In dieser Theorie haben sich Staubpartikel relativ rasch in planetengroßen Körpern zusammengefunden. Und zwar vielleicht sechzig von ihnen. Einige wurden zu Gasgiganten, einige blieben relative klein. Der aufregende Aspekt dieser neuen Theorie ist, dass es da vielleicht ein Dutzend zusätzliche Planeten geben kann, die größer sind als Mars oder sogar die Erde. Planeten, die sich auf exotischen hoch exzentrischen Orbits außerhalb der Ekliptik bewegen. Während
sich die
Mitglieder der IAU immer noch zanken, mag die Entdeckung noch
wesentlich
größerer
planetarer Körper das gesamte Gebiet zu einer
vollständigen
Neuorientierung bewegen. Möglicherweise stehen wir unmittelbar
vor
der Schwelle zu einer ganz neuen Ära, in der wir unser
Sonnensystem nicht mehr mit neun Planeten definieren und vielen
Kleinkörpern dazwischen, sondern in der es vielleicht
zwölf,
fünfzehn oder zwanzig Planeten gibt, in wilden exzentrischen
Orbits und 80, 100 oder 300 astronomische Einheiten von der Sonne
entfernt.Wenn es je eine Gelegenheit zur Verbesserung des Ansehens der Planeten-Astronomen gegeben hat, dann diese. Leider wurde sie nicht genutzt. Statt Eris, wie "Xena" schließlich benannt wurde, als zehnten Planeten einzureihen, wurde Pluto der Planetenstatus aberkannt. Dieser Beitrag geht zurück auf einen Artikel des Schriftstellers Dwayne A. Day. Er lebt in Washington, DC und kann deswegen die Sterne nachts nicht sehen. Aber er weiß, dass sie da oben sind. |