Der orbitale Testflug des  Boeing Starliners, von der NASA als OFT (Orbital Flight Test) bezeichnet, endete nicht mit den gewünschten Resultaten. Die Trägerrakete der United Launch Alliance verrichtete ihren Job zwar perfekt und setzte das Raumfahrzeug exakt auf der vorgesehenen Bahn ab. Der Starliner selbst aber erreichte wegen eines Softwarefehlers und dadurch versursachter inkorrekter Brennmanöver nicht die Internationale Raumstation. Der Starliner ist eines der beiden neuen US-Systeme für die Besatzungstransfers zur Internationalen Raumstation. Das andere bemannte Raumfahrzeug ist der Crew Dragon von SpaceX. Der hat seinen unbemannten Testflug bereits Anfang des Jahres erfolgreich absolviert.

Die OFT-Mission begann am 20. Dezember, um 12:37 Uhr am Startkomplex 41 der Luftwaffenbasis Cape Canaveral. Als Träger wurde eine Variante der Atlas eingesetzt, die zum ersten Mal flog. Insgesamt war es aber schon der 81. Einsatz einer Atlas 5. Der Träger musste für diese Mission dabei ein vollständig anderes Flugprofil absolvieren, wie für eine unbemannte Satellitentransportmission. Vor allem war ein wesentlich flacherer Aufstiegswinkel einzuhalten um einer (potentiellen) Crew jederzeit die Option für einen Flugabbruch und eine Trennung der Kapsel von der Rakete zu geben. Außerdem dürfen für bemannte Einsätze die Beschleunigungskräfte an Bord 3 g nicht überschreiten. Bei normalen Satellitentransporten der Atlas 5 werden mehr als 5 g erreicht. All diese Änderungen im Flugverlauf führen dazu, dass die Leistungsfähigkeit der Atlas 5-Basisstufe für die Starliner-Flüge nicht ausgeschöpft werden kann. Dies führte dazu, dass die zweite Stufe verstärkt werden musste. Anders als bei kommerziellen Satellitentransporten ist die Centaur-Oberstufe für den Starliner mit zwei Triebwerken statt nur einem ausgerüstet sein muss.

Damit wäre die Umlaufbahn problemlos zu erreichen. Doch auf Anforderung von Boeing beschleunigt die Atlas nur bis auf eine Geschwindigkeit knapp unterhalb der Orbitalgeschwindigkeit, und gibt somit den Starliner auf einer suborbitalen Bahn frei. Das erfordert ein Brennmanöver des Starliner, bei dem dieser nunmehr überflüssigen Treibstoff aufbraucht, der während der Startphase für das Crew-Rettungssystem mitgeführt wurde.

In die Atlas wurden eine ganze Reihe von Änderungen eingebaut, um sie für die bemannten Einsätze fit zu machen. Das betrifft beispielsweise das so genannten „Aeroskirt“, eine aerodynamische Verkleidung an der Basis der Kapsel. Sie wird fünf  Minuten und fünf Sekunden nach dem Liftoff abgeworfen. Die Rakete fliegt bei den Starliner-Einsätzen auch ohne Nutzlastverkleidung, was ebenfalls ein „first“ für die Atlas ist. Auch der Adapter, das Verbindungselement zwischen Rakete und Kapsel ist neu. Weitere Änderungen, wie das „Emergency Detection System“ sind in der Elektronik versteckt.

Der Brennschluss der zweiten Stufe erfolgte elf Minuten und 55 Sekunden in der Mission. Exakt drei Minuten später trennte sich der Starliner von der Stufe. An diesem Punkt der Mission befanden sich die zweite Stufe mit dem Starliner auf einer Umlaufbahn mit einem niedrigsten Bahnpunkt von 73 Kilometern und einem höchsten Bahnpunkt von 181 Kilometern, bei einer Bahnneigung zum Äquator von 51,6 Grad. Es war vorgesehen, dass 20 Sekunden vor dem Erreichen des Apogäums der Flugbahn vier der 20 Orbital Maneuvering and Attitude Control (OMAC) Triebwerke, jedes mit einer Schubleistung von etwa 6,7 kN, 40 Sekunden lang feuern sollten und dadurch die Umlaufbahn in 181 Kilometern zirkularisieren sollten.

31 Minuten nach dem Liftoff sollte das Orbit-Insertion-Manöver erfolgen. Doch es unterblieb. Ein Softwarefehler hatte das System annehmen lassen, dass das Orbit-Einschuss-Brennmanöver, bereits stattgefunden hätte. In dieser Zeit verbrauchte das Lagekontrollsystem viel Treibstoff, um die richtige Raumlage einzuhalten. Wegen einer Funkunterbrechung zum Starliner aufgrund einer Abdeckungslücke im Tracking- and Data-Relay-System der NASA konnte die Missionskontrolle in dieser entscheidenden Phase auch keinen Kontakt zum Raumfahrzeug aufnehmen, um die erratischen Manöver abzubrechen und zu korrigieren.

Der Flug war eigentlich für eine Dauer von acht Tagen angelegt, wovon knapp fünf angedockt an der ISS hätten verbracht werden sollen. Das Docking an der Raumstation war für etwa 26 Stunden nach dem Start geplant.

So musste die Mission auf zwei Tage gekürzt werden. Die Landung wurde am 22. Dezember in White Sands in Nevada durchgeführt. Es war das erste Mal in der US-Geschichte, dass ein (potentiell) bemannbares Kapselsystem auf festem Boden niederging.

Der Starliner ist in der Lage, vier bis fünf Personen zur ISS zu bringen. Im Notfall, wenn etwa das Fahrzeug zur Evakuierung der ISS verwendet werden muss, können sogar bis zu sieben Personen an Bord gehen. Ein Starliner kann neben dem Personentransport auch noch zusätzlich bis zu 160 Kilogramm Fracht für die ISS (oder von der ISS zurück zur Erde) aufnehmen.

Nachdem bei dieser Mission eine ganze Reihe der Testziele nicht erreicht werden konnten, ist es derzeit ist es unklar, ob der Flug wiederholt werden muss, oder ob die NASA die nächste Mission bemannt durchführen wird.

Bild: Logo der Starliner OFT-Mission; Credit: ULA