Die United Launch Alliance brachte am 5. Dezember mit einer Atlas V-Trägerrakete einen Raumfrachter des Typs Cygnus auf den Weg zur Internationalen Raumstation. Damit wurde die Versorgung der ISS von amerikanischem Boden wieder aufgenommen. Im Oktober 2014 war es zu einem Fehlstart einer Antares 130 mit einer anderen Cygnus gekommen. Im Juni dieses Jahres hatte sich ein weiterer Fehlstart mit einer Falcon 9-Trägerrakete von SpaceX ereignet. Dabei ging erneut ein Versorgungsraumschiff für die ISS verloren. Alle SpaceX- und Antares-Flüge sind seitdem ausgesetzt. In der Praxis bedeutete das, dass die ISS ausschließlich auf Versorgungs-Einsätze aus Russland und Japan angewiesen war. Doch auch mit der russischen Progress war es im Frühjahr zu Problemen gekommen, so dass die Situation an Bord der Raumstation kritisch zu werden drohte.

Bei dieser Mission mit der bewährten Atlas V als Träger ging jedoch alles glatt. Allerdings musste der Start des Boosters an drei aufeinanderfolgenden wegen schlechtem Wetter am Cape abgesagt werden. Die Mission begann dann am 5. Dezember um 22:45 mitteleuropäischer Zeit, das entspricht 16:45 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit. 21 Minuten später, in einem Orbit in 230 Kilometern Höhe löste sich der Cygnus von der Centaur-Oberstufe der Trägerrakete und begann seine Verfolgungsmission zur ISS.

Eine zweite Atlas V wird in etwa 100 Tagen einen weiteren Cygnus-Transporter in die Umlaufbahn befördern. Orbital/ATK hatte die beiden Konkurrenz-Träger nach dem Fehlstart ihrer eigenen Trägerrakete im Oktober 2014 gekauft. Das ungewöhnliche Arrangement wurde gewählt, um die Lieferverpflichtungen gegenüber der NASA einhalten zu können, und um Orbital/ATK Zeit zu verschaffen, die Antares-Trägerrakete zu modifizieren. Sie wird zukünftig nicht mehr das suspekte russische AJ 26/NK-33 Triebwerk verwenden, das noch aus den Tagen des sowjetischen Mondprogramms stammt, sondern ein anderes, wesentlich moderneres russisches Aggregat, nämlich das RD-181 von NPO Energomash. Die Starts mit der Antares sollen im kommenden Sommer wieder aufgenommen werden.

Mit einem Gewicht von etwa 7.400 Kilogramm war Cygnus 4 die schwerste Nutzlast, die je von einer Altas 5 in der Version 401 gestartet wurde. Sie ist an sich die kleinste und schwächste Variante der Atlas V-Serie, allerdings ist sie auch dann noch erheblich leistungsfähiger als die bislang von Orbital/ATK eingesetzte Antares 130. Deswegen konnte hier auch ein verlängertes Cygnus-Modul mit mehr Nutzlast transportiert werden. Trotzdem waren die Reserven der Atlas V immer noch so groß, dass es möglich war, innerhalb eines auf 30 Minuten ausgedehnten Zeitfensters zu starten. Üblicherweise müssen Mission zur ISS in einem Startfenster von etwa vier Minuten Dauer oder weniger durchgeführt werden. Und schließlich war immer noch Kapazität verfügbar, damit die Centaur ein so genannten „Deorbit-Manöver“ durchführen konnte. Sie wurde gleich nach ihrer Transportmission südlich von Australien über dem Pazifik gezielt zum Absturz gebracht.

Der Einsatz war der 131. erfolgreiche Flug einer Atlas-Trägerrakete in ununterbrochener Folge, und die 60. erfolgreiche Flug einer Atlas V. Der Start war auch der erste Einsatz einer Rakete dieses Typs für die Internationalen Raumstation, und es war auch die erste Verwendung der Startrampe 41 für einen Flug zur ISS. Von hier aus werden im Übrigen ab Ende übernächsten Jahres die bemannten CST-100 "Starliner" von Boeing Besatzungen zum Außenposten bringen.

Orbital/ATK hatte die Cygnus auf den Namen "S.S. Deke Slayton II" getauft. Ihre Vorgängerin, die "Deke Slayton" war beim Fehlstart vom Oktober 2014 zerstört worden. Bei Slayton handelt es sich um einen Astronauten des Mercury-Programms, der über viele Jahre als Chefastronaut der NASA fungierte.

Die "Bergung" des Cygnus erfolgte am 9.12. gegen Mittag. Tatsächlich handelt es sich nicht um ein aktives Andocken, denn der Cygnus ist zu einem solchen Manöver nicht in der Lage. Er flog vielmehr etwa 10 Meter an die Station heran, wo er dann vom US-Astronauten Kjell Lindgren mit dem kanadischen Manipulatorarm aufgenommen und an die Docking-Station des Unity-Moduls der ISS herangezogen wurde. Um 15:26 Uhr wurde die "S.S. Deke Slayton II" dort festgemacht. Sie ist das erste Nachschubfahrzeug, das an diesem Modul anlegt. Der Docking-Port war bis Mai vom Leonardo-Modul der Raumstation belegt, das inzwischen aber zum Tranquillity-Modul hinüberversetzt wurde. Die vorausgegangenen Cygnus-Module waren am Harmony-Modul festgemacht worden.

An Bord der Cygnus befinden sich mehr als 3,5 Tonnen Versorgungsgüter für die Internationale Raumstation. Darunter sind so völlig unterschiedliche Dinge wie Kleidung für Scott Kelly, Tim Kopra, Tim Peake und Jeff Williams, 144 Vorratsbehälter mit Essen, ein Fahrrad-Ergometer, Sitzpolster, Sauerstoff, Wasser, Kommunikationsausrüstung, ein komplexes Biolaboratorium und verschiedene weitere Experimentier-Vorrichtungen, 18 Mikrosatelliten, die im Laufe der Mission abgesetzt werden sollen, Teile von Raumanzügen, Technische Anlagen, Laptops, Kameras, Batterien und medizinische Ausrüstung und kleine Weihnachtsüberraschungen für die Crew der Station.

Bild: Die "Deke Slayton II" auf den letzten Metern des Anflugs zur ISS. Credit: NASA