Proton MDie Proton M bleibt ihrem Ruf treu, unter den Standard-Einsatzträgern der kommerziellen Raumfahrt der mit Abstand Unzuverlässigste zu sein. Etwa jeder zehnte Flug scheitert. Was weniger am Träger selbst liegt, als vielmehr an der verheerend schlechten Qualitätskontrolle beim russischen Hersteller Chrunitschew. Am 6. August kam es nun erneut zu einem Fehlstart, ziemlich genau ein Jahr, nachdem das letzte Missgeschick dieser Art passierte. Und erneut , wie bei den meisten der Proton-Fehlstarts, war die Briz-Oberstufe die Fehlerursache.

Beim dritten von fünf geplanten Brennmanövern stellte der Antrieb der Orbitaleinheit den Betrieb nach nur sieben Sekunden ein. Geplant war eine Brennzeit von 18 Minuten. Die beiden Satelliten an Bord des Trägers, der russische Inlands-Nachrichtensatellit Ekspress-MD2 und der indonesische Kommunikationssatellit Telkom-3 haben sich zwar von der funktionsunfähigen Oberstufe getrennt, sind aber jetzt in einem viel zu niedrigen Orbit gestrandet, und haben keine Chance ihren Zielorbit zu erreichen. Die beiden Satelliten sind damit Totalverluste. Es ist dies bereits der sechste Fehlschlag bei nunmehr 62 Briz-M Einsätzen und der fünfte, der auf ein Fehlverhalten der Oberstufe zurückzuführen ist.

Seit dem Fehlstart vom letzten August hat es elf erfolgreiche Starts dieser Rakete, plus den Start einen der älteren Version vom Typ Proton K (welche die Briz M nicht einsetzt) gegeben.

Die Mission begann um 21:31 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Die drei ersten Stufen der Proton arbeiteten wie immer zuverlässig. Dann übernahm die Briz-M, die Antriebseinheit des Orbitalsegments.

Fast alle Pannen mit der Briz werden zwar der Kategorie  „technisches Versagen“ zugeordnet, tatsächlich sind sie aber ziemlich eindeutig Fehler der Bodencrews oder des Hersteller-Personals.  Im letzten Jahr wurde eine falsche Timeline für die Zündsequenz der Briz-M programmiert worden. Diesmal scheint es sich, wie es überaus häufig in der russischen Raumfahrt vorkommt, um ein Fremdobjekt in einer Treibstoffleitung zu handeln. Also klassisches schlampiges Arbeiten. Jemand vergisst etwas während der Montage im Gerät. Bei einem Fehlstart im vorletzten Jahr kam die Briz-M gar nicht erst zum Einsatz, denn die Rakete war falsch betankt worden, und stürzte schon vor der ersten Zündung der Oberstufe ins Meer.

Der Fehlstart trifft Russland besonders hart, denn bereits beim letzten Fehlstart vor einem Jahr traf es einen Satelliten der Ekspress-Reihe (damals Ekspress-AM 4) . Zusätzlich betraf es dieses Mal auch noch einen Indonesischen Kommunikationssatelliten, und zwar Telkom 3, ein Raumfahrzeug, das Indonesien bei Reshetnew gekauft hatte. Es war das erste Mal, dass dieses Land einen russischen Satelliten erworben hat.

Beide Satelliten, sowohl Telkom 3 als auch Ekspress MD2 (hergestellt übrigens vom Trägerraketen-Produzenten Chrunitschew) trugen Kommunikationsnutzlasten die von Thales Alenia in Cannes stammten.

Der Raumfahrtfehlschlag geschah nur wenige Wochen nachdem beim Absturz einer Suchoij Superjet 100 bei einer Vorführung in Indonesien 40 indonesischer Luftfahrt-Offizielle ums Leben kamen. Der Ruf russischer Technik und vor allem russischer Techniker dürfte somit in Südostasien für lange Zeit nachhaltig ruiniert sein.

Es ist schade, dass eine ausgereifte, technisch zuverlässige und elegante Rakete wie die Proton ganz offensichtlich von wenig befähigtem Personal ein ums andere Mal ins Verderben geritten wird. Kommerzielle Kunden sollten sich wirklich überlegen, ob sie ihre wertvollen Nutzlasten weiterhin dem russischem Schlendrian anvertrauen wollen. Zuverlässigkeitsraten von gerade mal 90 Prozent mögen in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eben noch angemessen gewesen sein. Heute sind sie es definitiv nicht.

In Moskau wird inzwischen (Quelle Kommersant daily) offen diskutiert, dass der Fehlschlag entweder auf einen Fremdkörper in einer der Treibstoffleitungen der Briz-M zurückzuführen ist, oder durch ein Leck oder einen mechanischen Bruch im Hydrauliksystem. Eben dieses Leitungssystem war erst kurz zuvor ausgewechselt worden, nachdem man bei den Startvorbereitungen bereits einen Fehler bemerkt hatte.

Der Bericht der Untersuchungskommission soll bis zum Wochenende fertiggestellt werden.

Angesichts der – wegen der immer noch günstigen Proton-Startpreise – langen Kundenliste wird erwartet, dass der Träger innerhalb weniger Wochen wieder für die Flugbetrieb freigegeben wird. Das System, das diese ständigen Fehlschläge produziert, bleibt aber unverändert.  Man wird auf die nächste gescheiterte Mission deshalb nicht lange warten müssen.