Missionsposter src=images/stories/2011/11/1965a1.jpgDie russische Marssonde Fobos-Grunt ist in der Erdumlaufbahn gestrandet. Nach einem perfekten Start am 8. November, um 21:16 Uhr mitteleuropäischer Zeit, gelang es dem Raumfahrzeug nicht, die Parkbahn um die Erde zu verlassen. Die beiden Brennmanöver, die notwendig gewesen wären, um die Fluchtbahn zum Mars zu erreichen, wurden nicht durchgeführt. Das Raumfahrzeug ist nicht ansprechbar, und es ist nicht in der Lage sich seinerseits bei der Bodenstation zu melden.

Offensichtlich ist Fobos-Grunt aber dennoch nicht tot, denn optische Beobachtungen deuten darauf hin, dass sich die russische Marssonde in einer stabilen Raumlage befindet und sich zur Sonne ausrichtet, um seine Batterien laden zu können.

Wenn jetzt nicht relativ schnell ein Wunder geschieht, dann dürfte die ambitionierte Expedition zum Mars schon vor der eigenen Haustür gescheitert sein. Damit wäre es Russlands (resp. der Sowjetunion) zum 18. Mal hintereinander (bei ebenso vielen Versuchen) nicht gelungen, ein Marsprojekt vollständig erfolgreich abzuwickeln. Einige wenige Sonden erreichten zwar den Roten Planeten, versagten dann aber dort bereits nach kurzer Zeit. Ein Lander (Mars 3) erreichte vor vier Jahrzehnten sogar die Oberfläche und begann zu senden, aber nach 30 Sekunden brach die Übermittlung aus nie geklärter Ursache ab.

Über die Ursachen für das Scheitern der neuesten Mission liegt auch Tage nach den Ereignissen nur widersprüchliches Material vor. Nichts davon kommt von Roskosmos. Die offiziellen russischen Organe schweigen im besten Stil der Sowjetära. Aus dem, was an Informationen durchgesickert ist kann geschlossen werden, dass Fobos-Grunt kurz nach der Trennung von der (perfekt arbeitenden) zweiten Stufe der Zenit 2F-Trägerrakte die Solargeneratoren entfaltete und sich für den Weiterflug orientierte.

Das erste Brennmanöver war drei Stunden nach dem Erreichen der Umlaufbahn vorgesehen. Es war nicht geplant, dass sich die Sonde vor dem Abschluss des zweiten Brennmanövers bei der der Bodenstation melden sollte. Es wäre auch schwierig gewesen, Fobos-Grunt ist auf dieser niedrigen Übergangsbahn nur selten im Erfassungsbereich russischer Bodenstationen, die Sende- und Empfangsanlagen der Sonde werden durch große Mengen von Treibstoff abgeschattet und der Funkverkehr mit der Bodenstation würde über das X-Band laufen, das für Nahdistanzen ohnehin schlecht geeignet ist.

Der Zündbefehl an das Triebwerk der (modifizierten) Fregat-Transferstufe hätte von Fobos-Grunt kommen sollen. Entweder gab die Sonde diesen Zündbefehl nicht oder er kam nicht am Triebwerk an. Ob ein mechanisches Problem vorliegt, ein elektronisches oder ein Fehler in der Software, niemand weiß es.

Sicher ist nur: das rätselhafte Ereignis an Bord der Sonde führte zu keinem geordneten "Safe-Mode", wie er bei allen unbemannten Raumfahrzeugen für den Problemfall vorgesehen ist. In so einem Fall nimmt ein  Raumfahrzeug nur noch die grundlegenden Lebenserhaltungsfunktionen wahr, sendet ein Trägersignal und wartet auf Instruktionen von der Erde. Bei Fobos-Grunt aber schien, so wurde zunächst vermutet, eine Komplettabschaltung des Raumfahrzeugs vorzuliegen. Erst die optischen Beobachtungen deuteten darauf hin, dass noch Leben in der Sonde ist.

Heftig kritisiert wird im Zusammenhang mit der mysteriösen Strandung der Raumsonde die Haltung der russischen Weltraumagentur. Die Verantwortlichen hüllen sich in Schweigen.

Gäbe es nicht einige offensichtlich jüngere Ingenieure im Fobos-Grunt Projekt, die sich auf den weltweiten Raumfahrtforen meldeten, man hätte nicht den leisesten Hinweis über das, was vor sich geht. Erst auf die Meldungen dieser Ingenieure hin begannen Beobachter im Westen überhaupt mit dem optischen Tracking der Sonde.

Anstatt sofort weltweite Hilfe hinsichtlich des Einsatzes von Bodenstationen anzufordern geschieht nichts. Es gibt weltweit seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine russischen Bodenstationen mehr außerhalb Russlands. Die braucht man aber, um die X-Band Signale der Sonde empfangen zu können oder welche dort hin zu senden. So wartete man offensichtlich mehr einen ganzen Tag untätig, bis die schweigende Sonde endlich die erste russische Bodenanlage überflog.

Schon bald wird ein neues Problem akut. Die Wartebahn von Fobos-Grunt ist sehr, sehr niedrig angelegt und sie wird in einigen Wochen – so wie es aussieht um den Jahreswechsel - zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre führen. 

Fobos-Grunt ist großen Mengen Treibstoff ausgestattet. Insgesamt befinden sich mehr als elf Tonnen Hydrazin und Stickstofftetroxid an Bord. Eine solche Menge Hydrazin ist noch nie aus dem Weltraum zurückgekommen. Gefriert dieser Treibstoff (und der Gefrierpunkt von Stickstofftetroxid liegt nur bei -11 Grad), dann kommen die gefüllten Tanks weitgehend vollständig zur Erde zurück. Das könnte zu interessanten Problemen führen.

Eines steht aber jetzt schon so fest: Dieses Desaster, es ist nur eines von vielen in den vergangenen Jahren, wird Folgen für die Verantwortlichen haben.  Es ist anzunhmen, dass es nun bei Roskosmos zu massiven Umstrukturierungen kommt.