Start Delta 4 HeavyPünktlich um 22:10 Uhr und 30 Sekunden mitteleuropäischer Zeit startete eine Delta 4 „Heavy“,  nach dem Shuttle der weltweit leistungsfähigste Orbitalträger, zum ersten Mal vom kalifornischen US-Luftwaffenstützpunkt Vandenberg aus in eine Umlaufbahn. Sie brachte den massiven amerikanischen Spionagesatelliten NROL-49 auf einen sonnensynchronen, polaren Orbit.

Der Countdown war absolut glatt verlaufen. Die Rakete wurde bei der Zündung komplett in den Delta 4 „Heavy“-typischen Flammenball eingehüllt, aus dem sie wie üblich rußgeschwärzt entstieg. Dieses für einen Laien etwas besorgniserregende Charakteristikum, verbunden mit der Tatsache dass die Rakete aufgrund des anfangs sehr niedrigen Schub-/Gewichtsverhältnisses sehr langsam aufsteigt (sie braucht fast 15 Sekunden nur um den Startturm zu passieren), dem fast 100 Meter langen roten dreifach-Flammenstrahl und das kristallklare Wetter machten den Start zu einem nahezu surrealen optischen Eindruck.

Die erste Stufe der Rakete besteht aus drei identischen so genannten Common-Core Boostern, die parallel angeordnet sind. Jedes ist mit einem RS-68 Triebwerk ausgerüstet, das mit flüssigem Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff betrieben wird. Die beiden äußeren Einheiten haben dabei einen etwas anderen Betriebsmodus als die Zentraleinheit. Alle drei werden jedoch beim Start gemeinsam gezündet und fliegen zunächst mit voller Leistung.

55 Sekunden nach dem Verlassen der Startrampe wird der Schub im zentralen Triebwerk auf 57 % reduziert, während die äußeren Triebwerke mit Vollschub weiter arbeiten.

90 Sekunden nach dem Abheben durchbricht die Kombination die Schallmauer.

3 Minuten und 55 Sekunden nach dem Liftoff werden auch – in Vorbereitung zum Abwurf der beiden Booster - die äußeren Triebwerke auf 57 % Leistung gedrosselt.

4 Minuten und 15 Sekunden nach dem Abheben werden die beiden äußeren Einheiten abgetrennt. Von nun an ist der Träger keine „Heavy“ mehr, sondern eine Standard-Delta IV. Nur eine Sekunde später wird das Zentraltriebwerk auf volle Leistung hochgefahren.

Nach 5 Minuten und 40 Sekunden erfolgt auch der Brennschluss des Zentraltriebwerks. Acht Sekunden später wird eine Sprengschnur gezündet, die ringförmig um das Adapterstück zwischen erster und zweiter Stufe läuft. Damit wird die Stufentrennung eingeleitet, die unmittelbar darauf erfolgt.

Zehn Sekunden nach dem „staging“ zündet das RL-10B2-Triebwerk der zweiten Stufe.

Sechs Minuten und 20 Sekunden nach dem Verlassen der Startrampe wurde die Nutzlastverkleidung an der Spitze der Rakete abgeworfen. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde dann auf Anforderung des National Reconnaissance Office die Übertragung des Starts beendet.

Zur Nutzlast gibt es keine offiziellen Angaben. Man geht aber davon aus, dass es sich um einen elektro-optischen Aufklärungssatelliten der Keyhole (KH)-Reihe handelt. Seit den frühen 90iger Jahren wurde 15 Raumahrzeuge dieses Typs gestartet, bis auf einen alle erfolgreich. Derzeit sind nur noch drei dieser Satelliten aktiv. Sie wurden in den Jahren 1996, 2001 und 2005 in den Orbit gebracht. Diese letztere Einheit markierte auch den letzten Start einer Titan-IV-Rakete dvon Vandenberg aus. Nach der Außerdienststellung der Titan IV gab es keine Möglichkeit mehr, derart schwere Nutzlasten in einen polaren Orbit zu starten und das Keyhole-Programm wurde als beendet betrachtet.

Man ging damals davon aus, dass die massiven Satelliten der KH-Reihe zukünftig nicht mehr benötigt werden, nachdem leichtere und kleinere, doch genauso leistungsfähige Satelliten unter dem „Future Imagery Architecture Programme“ zu einem Nachfolger für die optischen- und Radaraufklärer führen sollten. Diese kleineren Satelliten sollten mit der Normalversion der Delta IV, resp. der Atlas 5 gestartet werden. Die neue Generation sollte von Boeing entwickelt und gebaut werden, doch geriet das Programm in offensichtlich unüberwindbare Probleme. Angeblich wurden 15 Milliarden Dollar ausgegeben, bis es schließlich eingestellt wurde. 

Dies führte zu einer Lücke in der Aufklärungskapazität und Lockheed bekam daraufhin den Auftrag, zwei weitere Keyholes zu bauen. Das Missionslogo deutet diesen Sachverhalt an. Es  zeigt einen Phoenix, der  dem Feuer entsteigt. Das Motto der Mission "melior diabolus quem scies" lässt sich übersetzen mit "Besser das bekannte Übel". Ein neuer Start für ein Nachfolgeprogramm wurde 2009 von Präsident Obama initiiert. Bis Satelliten aus diesem Programm aber einsatzbereit sind, werden aber noch einige Jahre vergehen.

Um die massiven Keyholes wieder von Vandenberg aus starten zu können, mussten dort große infrastrukturelle Änderungen vorgenommen werden. Nach dreijähriger Bauzeit und damit verbundenen Kosten in Höhe von 100 Millionen US-Dollar war es jetzt soweit, und die  Delta IV Heavy konnte die Aufgabe der Titan IVB übernehmen. Dafür war der historische Startkomplex 6 modifiziert worden. Auf dieser Anlage sollten früher die Space Shuttles von der Westküste der USA starten. Die Infrastruktur für die Raumfähren war damals, im Jahre 1986, bereits fertig gestellt, und die Anlage war mit dem Shuttle-Mockup Enterprise schon getestet worden als es zum Challenger-Unfall kam.  Seit dieser Zeit lagen Startrampe und Gebäude im Dornröschen-Schlaf, aus dem sie erst 2007 wieder geweckt wurde.

Die Satelliten der Keyhole-Serie basieren technisch angeblich auf dem Hubble-Weltraumteleskop. Es wird kolportiert, dass sie einen Spiegeldurchmesser von über vier Metern haben. Außerdem befinden sich eine Vielzahl von Signals Intelligence (SIGINT) Systemen an Bord. Darunter versteht man Anlagen zur Gewinnung von Informationen aus abgehörten Funksignalen sowie der Erfassung und Analyse anderer elektronischer Signale.

Der Orbit ist eine sonnensynchrone, relativ stark elliptische Bahn von 200 x 1.000 km mit einer Inklination von 97,8°. Aus der Startzeit berechnete man, dass NROL-49 den Keyhole mit der Bezeichnung USA 161, gestartet im Oktober 2001, ersetzen wird.

Astra