1OTV 1; Credit: Boeing Das Ding sieht aus, als hätte der Shuttle auf seine alten Tage noch Nachwuchs bekommen. Die NASA, der es einmal gehört hat, nannte es X-37A. Die US-Luftwaffe, der derzeitige Besitzer, bezeichnete es zunächst als X-37B, später nur noch als OTV-1, als „Orbital Test Vehikel 1“. Für die Raumfahrtfreaks weltweit ist es der „Baby-Orbiter“ oder auch „Space-Shuttle Junior“.

Gestern Abend um 19:52 amerikanischer Ostküstenzeit (entsprechend heute Morgen um 1:52 mitteleuropäischer Zeit) wurde das knapp fünf Tonnen schwere und neun Meter lange Fahrzeug an Bord einer Atlas 5 501 in den Orbit transportiert. Die Version 501 der Atlas 5 wurde zum ersten Mal eingesetzt. Besonders auffallend an dieser Variante der Atlas ist die 5,4 Meter durchmessende und über 20 Meter lange Nutzlastverkleidung (es gibt sogar zwei Versionen mit noch größeren Nutzlastverkleidungen). Die Fernsehübertragung des Starts wurde unmittelbar vor dem Abwurf der Fairing abgebrochen und ULA, die für die Durchführung des Starts verantwortlich war, stellte die Berichterstattung über den Start unmittelbar nach Erreichen der Umlaufbahn ein. Kommentar: "At request of our customer we are ending our coverage".  

 1OTV 1; Credit: Spaceflightnow
 1OTV 1; Credit: Spaceflightnow, Justin Ray
 1OTV 1; Credit: Spaceflightnow, Ben Cooper

Es wurden auch keinerlei Informationen über die erzielten Bahnparameter herausgegeben, doch war sichtbar dass der Start-Azimuth genau ostwärts war, was auf der Höhe von Cap Canaveral eine Bahnneigung von 28,5 Grad zum Äquator bedeutet.

Die Bezeichnung X-37B ordnet es in die legendäre Reihe experimenteller Luft- und Raumfahrzeuge ein, die in den USA seit den späten vierziger Jahren tradiert wird: die so genannten "X-Planes". Sie erinnert ein wenig an die X-20 „Dyna Soar“, ein Projekt, das schon vor einem halben Jahrhundert aufgegeben wurde, weil die US-Luftwaffe geflügelte Raumfahrzeuge für nicht mehr zeitgemäß hielt. Schließlich gab es ja Raumkapseln.

Space Shuttle Junior ist nicht eigenstartfähig sein, sondern wurde als Nutzlast einer Trägerrakete in den Orbit transportiert. Er ist in dieser Hinsicht also ein klassischer Satellit, und kann somit eigentlich nicht mit dem eigenstartfähigen Space Shuttle verglichen werden. Andererseits hat die Bezeichnung „Space Shuttle Junior“ dennoch eine gewisse Berechtigung. Vor dem Februar 2003 war nämlich geplant, die X-37B als Nutzlast des Shuttle in den Orbit zu hieven. Nach der Columbia-Katastrophe wurden aber alle Shuttle-Flüge - bis auf einen - nur noch dem Aufbau der Internationalen Raumstation gewidmet. Damit wurde auch die X-37B aus dem Shuttle-Manifest entfernt.

Die US-Luftwaffe besteht übrigens darauf, dass das OTV-Vorhaben ein Geheimprogramm ist. Ein richtiges amerikanisches Geheimprogramm. Was in der Praxis bedeutet, dass sich inzwischen eine unübersehbare Fangemeinde intensiv mit der Sache auseinandersetzt und die Blogs im Internet über das Thema heißlaufen. Nicht zu Unrecht allerdings, denn es stellt sich in der Tat die Frage: Was um alles in der Welt bezweckt die amerikanische Luftwaffe mit diesem Ding?

Bis zu einem gewissen Detaillierungsgrad sind Informationen über das Fahrzeug problemlos zu bekommen. Diese hier zum Beispiel http://tinyurl.com/ybsk78c. Darin liest man über so interessante Dinge, wie zum Beispiel die Konfiguration der Trägerrakete, die in dieser Variante zum ersten Mal zum Einsatz kommt, und auch einiges über das Raumfahrzeug selbst. Man wird den Verdacht nicht los, dass all die Testziele, die man mit dem Baby-Shuttle erreichen will, längst ein alter Hut sind.

Space Shuttle Junior begann seine Karriere bei der NASA vor mehr als 10 Jahren unter der Bezeichnung X-37A und erhielt dazu den hübschen Beinamen „Future X“ verpasst. Die X-37A - die Geschichte soll nicht zu einfach sein - war ein vergrößertes Modell der X-40A, dem „Space Maneuvre Vehicle“. Dieses "Space Maneuvre Vehicle" wiederum war ein gemeinsames Vorhaben der NASA, der US-Luftwaffe und der Firma Boeing. Und sie haben Recht, wenn Ihnen der Verdacht kommt, dass hier irgendetwas nicht stimmt: Man sollte annehmen, dass ein Vehikel, das in der Terminologie des X-Programms drei Nummern später kommt, auch das zeitlich später angesetzte, vielleicht sogar technisch weiter entwickelte Vorhaben ist. Dem war aber nicht so. Die X-40A war der Vorläufer, eine Light-Version der X-37A, und flog auch Jahre vor dieser. 

Trotz des hochtrabenden Kampfnamens „Space Maneuvre Vehicle“ erreichte diese X-40A nie eine größere Höhe als 6.700 Meter. Und auch die nur dank der Transportleistung eines Chinook-Hubschraubers, von dem sie an den Haken genommen wurde.  Nach acht Flügen (immer schön von der Chinook abgeworfen) war das Programm auch schon wieder beendet, und die X-40A wurde eingemottet. Das war 2001. Das Ziel der Tests war erreicht worden: Die Erprobung eines autonomen Flugführungssystems bestehend aus einer Kombination von Trägheitsnavigation und GPS. Genau dasselbe Testziel, das die Luftwaffe jetzt, neun Jahre später, mit dem Baby-Orbiter noch einmal erreichen will (und das, nur ganz nebenbei, die US-Luftwaffe inzwischen in alle ihre Cruise Missiles tausendfach serienmäßig implementiert hat).

Drei Jahre lang lief danach ruhig und unauffällig die Entwicklung der X-37A, bis schließlich im Jahre 2004 – Boeing begann gerade mit dem Bau der Hardware –die NASA aus dem Programm ausstieg. „Kein Bedarf mehr für ein solches Vehikel“, hieß es dort. Das Vorhaben wurde zur DARPA transferiert, der amerikanischen „Defense Advanced Research Project Agency“.

Wieder hörte man zwei Jahre lang nichts mehr von dem Projekt, und es bildete sich die Meinung heraus, es sei ebenso sanft entschlummert, wie gut ein Drittel aller bisherigen 53 X-Projekte auch. Im Jahre 2006 erschien der Baby-Shuttle aber wieder aus der Versenkung und begann mit einer Serie von Gleitflügen. Nachdem die X-37A 30 Prozent größer war als ihr Vorläufer, die X-40A, konnte sie nicht mehr mit der Chinook transportiert werden. Und so kam – ein schönes Zitat an die private Raumfahrt – das SpaceShipOne-Trägerflugzeug WhiteKnightOne der Firma Scaled Composites für die Abwürfe zum Einsatz. Fünf der sechs Flüge erfolgten in Palmdale, Kalifornien, einem der Werksflughäfen der Firma Boeing, die auch die X-37A gebaut hat.

Danach verschwand das Fahrzeug wieder einmal in der Versenkung. Aber erst, nachdem die Luftwaffe erklärt hatte, die X-37A mit Thermalschutz und sonstiger Orbitalausrüstung zu versehen und es zu einem „Orbital Test Vehicle“ weiter zu entwickeln.

Seit dieser Zeit wird die Frage diskutiert: was zum Teufel will die US-Luftwaffe mit diesem Fahrzeug? Was testet sie, was nicht schon längst getestet wäre? Seit Jahren erklärt jeder, der in der Raumfahrt als kompetent gelten will, dass geflügelte Rückkehrfahrzeuge „outdated“ sind. Und dann rüstet die US-Luftwaffe diesen Mini-Shuttle für geschätzte 300-400 Millionen Dollar auf und verpasst ihm auch noch eine Trägerrakete, die weitere 120 Millionen Dollar kostet. Und das pummelige Shuttelchen soll nicht nur einmal eingesetzt werden, die Quellen – wie zum Beispiel die hier – sprechen von zunächst einigen Testflügen im Orbit, nach denen das Fahrzeug als wieder verwendbare Testplattform immer wieder eingesetzt werden kann. Bereits im nächsten Jahr soll das OTV erneut eingesetzt werden.

Wozu also braucht die US-Luftwaffe das OTV? Warum muss es in der Lage sein, Geschwindigkeitsänderungen von 1.100 m/sec durchführen zu können?  Was an Nutzlasten der US-Luftwaffe – und sie dürfen nicht mehr als 250 Kilogramm wiegen, denn mehr kann das OTV nicht transportieren - ist derart wertvoll, dass man es wieder zur Erde zurückbringen muss? Von welcher Art sind diese Nutzlasten, welche die komplette Neuentwicklung eines wieder verwendbaren, auf einer Flughafenpiste landenden Raumfahrzeugs notwendig machen? Und warum muss das Ding gleich neun Monate im Weltraum verbringen können? Warum landet es in Vandenberg und nicht in Edwards, das ungleich besser für Testflugaktivitäten geeignet ist?

Vielleicht werden nach dem Start einige der Geheimnisse des OTV ein wenig gelüftet. Bis dahin gilt der Satz des US-Militäranalytikers John Pike, Direktor von Globalsecurity.org, der sich zum Thema X-37B wie folgt äußerte "As long as you're confused you're in good shape."

Astra