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DMSP Startlogo; Credit: ULA Es ist fast auf den Tag genau sechs Jahre her, dass die amerikanische Luftwaffe den "verhexten" F 16 startete, die Flugeinheit Nummer 16 im Defense Meteorological Satellite Program, kurz DMSP. Er verließ am 18. Oktober 2003 die Startrampe auf der Vandenberg Luftwaffenbasis an Bord der letzten Titan II-Trägerrakete, die jemals eingesetzt wurde. Als der Start endlich erfolgte, war dies der Endpunkt einer 33 Monate langen Zeitspanne mit Pleiten, Pech und Pannen. Seine Startgeschichte ist es wert, noch einmal kurz dargestellt zu werden, bevor wir uns seinem Nachfolger widmen:

Start im Nebel
Start im Nebel; Credit: Spaceflightnow
Startkomplex 3E in Vandenberg; Credit: Spaceflightnow

Nach zwei vorausgegangenen Verschiebungen im Dezember 2000 und Anfang Januar 2001 schien am 20. Januar 2001 alles glatt zu gehen. Drei Minuten vor der Zündung kam es aber zu einem Fehler in einer technischen Anlage der Rampe und der Start wurde auf den darauf folgenden Tag verschoben. Am 21. Januar 2001 sah wieder zunächst alles gut aus, doch 28 Sekunden vor dem Abheben kam die Meldung von der Rakete, dass sich eines der Druckausgleichsventile nicht öffnen wollte. Erneut wurde der Start abgesagt. Wie sich schnell herausstellte, war eine Telemetrieanzeige falsch gewesen. Das Ventil funktionierte einwandfrei.

Der Satellit wurde wieder von Batteriebetrieb auf Bodenstrom umgestellt. Der nächste Startversuch sollte schon am kommenden Tag stattfinden. In der Nacht kam es aber zu einer zunächst mysteriösen Kette von Fehlfunktionen an Bord des Satelliten. Zuerst wurde ein Treibstoffleck in einer der Lageregelungsdüsen festgestellt. Dann kam es zu einem Kurzschluss im Trägheitsnavigationssystem des Satelliten, dessen Aufgabe es auch gewesen wäre, die Trägerrakete zu steuern. 20 Minuten später fiel die Hauptstromversorgung aus und der Satellit schaltete auf den Reservekreislauf.

Das Raumfahrzeug mit dem unerklärlichen "multiplen Organversagen" musste von der Rakete entfernt und in einem Cleanraum in Vandenberg auseinander genommen werden. Dabei stellte sich heraus, dass es einen Kabelbruch gegeben hatte, der die ganze Ereigniskette ausgelöst hatte. Der Satellit wurde an den Hersteller zurück geschickt und dort repariert und noch mal eingehend inspiziert.

Im November 2001 wurde die Mission neu angesetzt. Die Titan II war die ganzen Monate draußen auf der Rampe gestanden und hatte auf ihren Einsatz gewartet. Doch jetzt,  kurz vor dem Start, stellten die Verantwortlichen fest, dass die Dichtungen der Turbopumpen durch den monatelangen Aufenthalt in der Seeluft korrodiert waren. Die Reparaturen dauerten acht Wochen.

Am 1. Februar 2002 waren die Turbopumpen schließlich repariert, und der Satellit wurde, wenige Tage vor dem geplanten Start, wieder betankt. Doch bei den abschließenden Leckage-Tests wurde festgestellt, dass eines der vier Haupttriebwerke Treibstoff verlor. Für die Reparatur wurden einige Wochen veranschlagt.

Nun kam es richtig schlimm. Die Trägerrakete, die inzwischen seit weit über einem Jahr auf der Rampe stand, musste komplett demontiert werden, um einer anderen Titan II mit einer wichtigen NASA-Nutzlast Platz zu machen. Dieser Satellit, NOAA-M, startete komplett problemlos nach einem ebenso kurzen, wie reibungslosen Countdown exakt zum vorgesehenen Termin am 24. Juni 2002.

Im Juli 2002 wurde der Träger für DMSP 16 wieder aufgerichtet. Der Start wurde nun für den 6. Oktober 2002 angesetzt. Doch dann - erneut wenige Tage vor dem Start - entdeckte man fehlerhafte Lötstellen an einem der Instrumente des Satelliten. Und wieder war DMSP 16 "gegrounded".

Die nächste Nutzlast - der Meeresforschungssatellit Coriolis - wartete auf die Nutzung der einzigen Titan II-Rampe in Vandenberg, und so entschied sich die US Luftwaffe, die für die Startdurchführung verantwortlich war, die Rakete wieder abzubauen. Nach insgesamt sechs Startversuchen erreichte Coriolis am 6. Januar 2003 erfolgreich den Orbit.

DMSP 16 kam erst im August 2003 wieder nach Vandenberg. Durch die lange Lagerung hatte eine ganze Reihe von Komponenten ausgetauscht werden müssen. Außerdem hatte man alle Lötstellen im Satelliten überprüft. Der Start sollte nun Mitte September erfolgen. Doch dann gab zunächst ein Problem mit einem Kreisel in der Trägerrakete und danach musste die (einzige) Titan-Startmannschaft, über die Lockheed verfügte eine Titan IV-Mission in Cap Canaveral vorbereiten.

Der Start wurde auf den 18. Oktober 2003 verschoben. Und dieses Mal klappte es. Auf der vorletzten verfügbaren Titan II (die letzte wurde nie eingesetzt) trat DMSP 16 seinen Weg in den Orbit an und funktioniert seitdem prächtig. Er ist auch heute noch in bester Verfassung und voll funktionstüchtig. Langsam aber, nach sechs Jahren im Orbit, ist hauptsächlich aufgrund der schwindenden Treibstoffvorräte das Ende seiner technischen Lebensdauer absehbar.Ersatz tut not.

Aus diesem Grunde brachte gestern Abend um 18:12 Uhr mitteleuropäischer Zeit (um 9:12 Uhr morgens US-Westküstenzeit) eine Atlas 5 in der Version 401 seinen Nachfolger in den Orbit. Und dies gelang gleich beim ersten Versuch zu dem seit Monaten festgelegten Zeitpunkt.

Aber wie seinerzeit beim Start von DMSP 16 erfolgte auch gestern der Liftoff im erbsensuppendicken Nebel. Die Rakete war in der ersten Startphase nur schemenhaft erkennbar, bis sie sich aus der Nebelwatte schälte und von den Bahnverfolgungskameras auf den umliegenden Bergen erfasst werden konnte.

Die Trägerrakete war die insgesamt 17. Atlas 5 und die zweite die von Vandenberg aus startet. Sie funktionierte perfekt und lieferte den 1.300 Kilogramm schweren DMSP F 18 knapp 20 Minuten nach dem Abheben im vorgesehenen polaren, sonnenchronen Morgenorbit ab.

Der Start war noch in anderer Hinsicht ein ganz besonderer. Es ist nämlich der 600. Einsatz Trägerrakete mit der Bezeichnung "Atlas", seitdem dieser Typ am 17. Dezember 1957 seinen Erstflug hatte. Die heutige Atlas 5 hat allerdings mit dem damaligen Träger nicht ein einziges Bauteil mehr gemeinsam.

Astra