Südkoreas erste eigene Weltraummission ist gescheitert. Mit einer Mischung aus russischer und einheimischer Technologie versuchte Süd-Korea am Dienstag, dem 25. August dem kleinen Club der Nationen beizutreten, die in der Lage sind, eigene Satelliten mit eigenen Trägerraketen in den Orbit zu bringen. Koreanische Medien hatten den Start des zweistufigen Projektils bereits unmittelbar nach dem Abheben als Erfolg gefeiert. Überhaupt brachte die gesamte Art der Berichterstattung deutlich zum Ausdruck, dass für die südkoreanischen Medien Berichte über Weltraum-Trägermissionen ungewohntes Terrain sind. Erst Stunden nach dem Start kam die offizielle Verlautbarung, dass die Mission scheiterte.

Die südlich von Mokau gelegene Firma Chrunitshev, die auch Russlands Trägerraketen vom Typ Proton baut, liefert die fertig entwickelte erste Stufe des koreanischen Trägers. Insofern ist die Bezeichnung "Eigenentwicklung" mit Vorsicht zu genießen. Südkorea entwickelte aber immerhin die zweite Stufe, ein relativ komplexer, über drei Achsen lagegeregelter Feststoffmotor sowie die Verbindungsstruktur zwischen erster und zweiter Stufe.  Die Nutzlastverkleidung scheint dagegen wieder aus Russland zu stammen. Und bei eben der letzteren lag wohl auch das (letzte) Problem dieses Starts, denn die Verkleidung scheint sich offensichtlich nicht gelöst zu haben. Dadurch war die Kombination aus zweiter Stufe und Satellit zu schwer, und die Nutzlast stürzte einige tausend Kilometer vom Startort entfernt ins Meer.

In einer Pressemitteilung gab Chrunitshev unmittelbar nach dem Start bekannt, dass die mit Kerosin und Sauerstoff angetriebene erste Stufe während der ersten vier Flugminuten wie vorgesehen funktioniert habe. Auch daran kann man zweifeln. Wer den Start von Naro verfolgt hat, konnte fast von der ersten Flugsekunde an heftige Steuerbewegungen der Rakete erkennen.

In der ersten Anfangsphase des Aufstiegs musste man sogar befürchten, dass der Träger mit dem Startturm kollidiert. Sehen Sie sich hierzu diesen Youtube-Film an. Die "Schlingerbewegung" der Rakete ist deutlich zu erkennen. Bei Flugsekunde 10 hat man den Eindruck, als würde die Rakete jeden Moment vornüberkippen, bis sie sich bei Flugsekunden 15 wieder fängt. Auch im weiteren Verlauf des Aufstiegs schien es Steuerungsprobleme gegeben zu haben, wie etwa um die 50. Flugsekunde (bitte "Vollbild-Modus" aktivieren)I. Der korkenzieherartig geformte Kondensstreifen deutet darauf hin, dass diese weiter anhielten. Auch dieser Film hier http://www.youtube.com/watch?v=3lPodCVR8RU ist sehr interessant, vor allem wegen der russischen Kommentare einer weiblichen Stimme, die im Hintergrund immer wieder zu hören sind. Insgesamt waren etwa 160 Mitarbeiter von Chrunitshev und Energomash beim Start der Naro-Rakete anwesend.

Es spricht immerhin für die Qualität des russischen Produktes, dass die Rakete diesen Belastungen standhielt und das Triebwerk gut funktionierte. Vermutlich dürfte ein Fehler im Algorithmus der Flugkontroll-Software zu diesen außerordentlich starken Steuerbewegungen geführt haben. Dieser "Aufstieg in Kurven" muss auch zu einem erheblichen Leistungsverlust geführt haben, und es ist fraglich, ob der Satellit seine Umlaufbahn auch ohne das Problem mit der Fairing erreicht hätte.

Der erste Startversuch vor einer Woche war noch abgebrochen worden, weil eine fehlerhafte Software die Countdown-Abwicklung weniger als acht Minuten vor dem vorgesehenen Startzeitpunkt stoppte. Am 25. August begann die historische Mission aber auf die Sekunde pünktlich um 8:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit (17:00 Uhr Ortszeit) mit dem Liftoff vom neu erbauten Naro Space Center an der Südküste der Koreanischen Halbinsel. Das Raumfahrtzentrum liegt 475 Kilometer südlich von Seoul.

Der 33 Meter hohe, 2,9 Meter durchmessende und 140 Tonnen schwere Träger schwankte in den ersten Flugsekunden deutlich vor und zurück und hielt diese schwankenden Steuerbewegungen auch bei, bis er etwa 90 Sekunden nach dem Abheben auf seiner Bahn über dem japanischen Meer aus dem Blickfeld verschwand. Bilder einer Bahnverfolgungskamera waren leider nicht verfügbar, mit denen man das absonderliche Steuerverhalten des Trägers auch im weiteren Aufstieg hätte gut verfolgen können.

Innerhalb von vier Minuten nach dem Liftoff brachte das etwa 195 Tonnen Schub leistende RD-191 die Rakete auf eine Höhe von 200 Kilometer. Wenige Sekunden später erfolgte die Stufentrennung und die zweite Stufe mit dem Satelliten bewegte sich für drei Minuten auf einer ballistischen Freiflugbahn bis eine Höhe von 300 Kilometern erreicht war. Danach zündete der in Korea gebaute Feststoffmotor und sollte, so der Plan, innerhalb von weniger als einer Minute dem Satelliten die zusätzliche Geschwindigkeit mitgeben, damit dieser im Orbit verbleiben konnte.

Neun Minuten nach dem Liftoff hätte sie dann den 115 Kilogramm schweren STS SAT 2, der etwa die Größe einer Waschmaschine aufweist, freigeben sollen. Geplant war ein elliptischer Orbit mit einem höchsten Bahnpunkt von 1.500 Kilometern und einem niedrigsten Bahnpunkt von 300 Kilometern.

STSAT 2 hatte eine Forschungseinrichtung zur Messung der Strahlungsenergie in der Erdatmosphäre an Bord sowie einen Laser-Reflektor mit dessen Hilfe man den exakten Orbit des Satelliten zu vermessen hoffte.

Das Projekt der Naro 1-Rakete läuft seit dem Jahre 2002 und besteht aus einer Partnerschaft zwischen der südkoreanischen Raumfahrtbehörde KARI und dem russischen Unternehmen Chrunitshev. Chrunitshev stellte dabei die komplette erste Stufe zur Verfügung, die auf dem so genannten "Universal Rocket Module" (URM) der Angara-Trägerrakete basiert, die Chrunitshev gerade im Auftrag der russischen Raumfahrtagentur Roscosmos entwickelt. Das Projekt "Naro 1" kostete bislang etwa 400 Million Dollar.

Die Entwicklung der Angara, neben der Rus M einer der beiden neuen Basis-Trägerraketen in Russland, wurde von Anfang an von Problemen hauptsächlich finanzieller Natur geplagt. Die russische Version wird ihren Erstflug voraussichtlich nicht vor 2012 haben. Somit kann man sich vorstellen, dass es für Chrunitshev von ganz besonderem Vorteil war, die Angara schon jetzt, wenn auch erheblich modifiziert, testen zu können und obendrein auch noch dafür pünktlich und ausreichend bezahlt zu werden.

Das RD-191 Triebwerk der Erststufe ist eine Zweikammer-Variante der eng verwandten Energomash RD-171 und RD 180 Raketenmotoren, der seit vielen Jahren in der russischen Zenith und in der amerikanischen Atlas 5 eingesetzt sind.

Der Start am Dienstag sollte Südkorea in die Elite-Kategorie der Raumfahrtnationen aufnehmen. Nationen, die ihre eigenen Satelliten mit ihren eigenen Trägern in das Weltall transportieren können. Hätte alles geklappt, dann wäre Südkorea die 10. Nation gewesen, der das gelungen ist, nach der UdSSR, den USA, Frankreich, Japan, China, Großbritannien, Indien, Israel und erst in diesem Jahr dem Iran.

Astra