Pünktlich zur seit Wochen geplanten Startsekunde machte sich die amerikanische Raumfähre Discovery am Samstag Abend auf den Weg zur Internationalen Raumstation. Damit begann eine auf 14 Flugtage angesetzte Mission, bei der drei Außenbordmanöver mit verschiedenen Zielsetzungen zu absolvieren sind und das japanische Labormodul Kibo mit der ISS verbunden werden soll. Außerdem bringt die Discovery einen neuen Flugingenieur zur Station: Gregory Chamitoff, der Garrett Reisman ersetzen soll.

Beim Start der Discovery gab es aber einen rätselhaften Zwischenfall. Nicht am Orbiter, sondern auf der Startrampe.

Die Discovery flog bei dieser Mission mit dem ersten Außentank, der alle Upgrades der Post-Columbia-Sicherheitsbestimmungen aufweist. Interessant und ein wenig beunruhigend allerdings war der Umstand, dass bei diesem Start dann doch so viele Schaumstoff-Stücke abbrachen wie bei keinem anderen Start seit dem Flug der Columbia. Alle diese Stücke brachen allerdings in der relativ ungefährlichen Phase nach dem Abwurf der Booster weg. In dieser Flugphase können die Bruchstücke nicht mehr so hohe Relativgeschwindigkeiten erreichen wie in den tieferen Luftschichten. Ein möglicher Aufprall auf den Orbiter verursacht dann keinen Schaden mehr.

Das erste Schaumstoff-Stück brach 18 Sekunden nach der Boostertrennung ausgerechnet von der völlig neu konstruierten Eis-Frostrampe ab. Dieses Segment war umgearbeitet worden, weil es früher schon häufig durch herabfallende Schaumstoffstücke auffiel. Ein weiterer Teil brach 34 Sekunden nach der Boostertrennung ab und ein dritter drei Minuten und 30 Sekunden nach dem Start. 

Bei dieser Mission ist eine detaillierte Analyse der Orbiter-Unterseite erst mehrere Tage nach dem Start möglich. Erstmals seit der Wiederaufnahme der Flüge nach der Columbia-Katastrophe ist der Orbiter nicht mit dem Heatshield Inspektion Boom ausgerüstet, das ist ein besonders langer Robot-Arm mit einem Kamerasystem, der von den Astronauten an Bord der Fähre benutzt wird, um den kompletten Shuttle auf mögliche Schäden während des Starts zu untersuchen.

Das Kibo-Modul, das die Discovery an Bord hat, ist nämlich so groß, dass es den Nutzlastraum des Shuttles vollständig ausfüllt, sodass dieser Inspektionsarm keinen Platz mehr hatte. Er wurde deshalb von der Raumfähre Endeavour bei der letzten Mission im März an der Raumstation zurückgelassen. Erst wenn er wieder am Shuttle installiert ist, kann die genaue Untersuchung stattfinden.

Der Start erfolgte um 23:02 Uhr mitteleuropäischer Zeit nach einem völlig problemfreien Countdown. Neben Commander Mark Kelly und dem bereits erwähnten Gregory Chamitoff befinden sich noch Pilot  Kenneth Ham sowie die Flugingenieure und Nutzlastspezialisten Ronald Garan, Karen Nyberg, Michael Fossum und Akihiko Hoshide von der japanischen NASDA mit an Bord.

Die Aufgaben der Crew sind vielfältig. Neben dem Austausch des Flugingenieurs an Bord der ISS und der Installation des Kibo-Moduls soll auch ein neues Stickstoff-Drucksystem für das Kühlsystem der ISS installiert werden. Außerdem haben die Astronauten Ersatzteile für eine defekte Toilette dabei. Die Astronauten werden auch versuchen, einen defekten Stellmotor der ISS-Solargeneratoren von Metallabrieb zu reinigen. 

Das15,9 Tonnen schwere Kibo-Laboratorioum ist mit einem eigenen Robotarm und einer eigenen Luftschleuse ausgestattet. Das Modul ist mit 12 Metern Länge und mehr als vier Metern Durchmesser das größte Druckmodul der ISS. Es ist fast drei Meter länger als das amerikanische Destiny-Labor und vier Meter länger als das europäische Columbus-Modul.

Ein kleineres japanisches Segment, das Kibo-Logistikmodul, das im März zur Raumstation gebracht worden war, ist derzeit temporär auf dem "Dach" des Harmony-Moduls montiert. In diesem Teil befinden sich bereits acht Experimentier- und Ausrüstungsracks für das große Kibo-Modul. Der Transfer dieser Racks soll noch während der derzeit laufenden Mission beginnen. Das Logistik-Modul wird dabei - ebenfalls noch während der jetzigen Shuttle-Mission - von Harmony entfernt und dann auf dem "Dach" des großen Kibo-Moduls befestigt.

Wenn Kibo an der Raumstation montiert ist, dann wird die Raumstation zu 71 Prozent fertiggestellt sein. Die derzeitige Masse der ISS beträgt nach dieser Mission knapp 280 Tonnen. Während im Weltraum und an Bord des Shuttle und der ISS alles normal verläuft, untersucht die NASA in der Zwischenzeit einen rätselhaften Vorfall, der sich beim Start der Discovery ereignete und dessen Ursache noch vollständig im Dunkeln liegt. Die Startrampe wurde nämlich beim Start im Bereich der Flammenschächte schwer beschädigt. Viele Tonnen an Beton platzten aus den Metallarmierungen und wurden durch die Druckwelle des Starts Hunderte von Metern weit geschleudert. Einen Vorfall dieser Art hat es während des gesamten Shuttle-Programms noch nicht gegeben. Noch nie zuvor wurde die Rampe so schwer in Mitleidenschaft gezogen wie bei diesem Start. Welche Auswirkungen das auf den nächsten Flug hat, muss noch untersucht werden.

Astra