Ein entmutigender Vorfall ereignete sich am Dienstagabend bei den gegenwärtig laufenden Montagarbeiten im Weltraum: Ein Sonnensegel der ISS, das von einer Position zur anderen versetzt wurde, ist bei der automatischen Entfaltung erheblich beschädigt worden. Ein tiefer Riss geht durch den Solargenerator, der überdies derzeit nicht bewegt werden kann, um den Schaden nicht noch größer zu machen.

 

Der Riss in der Solarzellenfläche ist gut 60 Zentimeter lang. Der Vorfall ereignete sich, als das Segel aus seinem Aufbewahrungscontainer ausgefahren werden sollte. Die Solarzellenfläche war vor einigen Monaten bei der Mission STS 117 eingefahren worden und war seitdem im Container verstaut. Möglicherweise war der Generator damals unbemerkt vorgeschädigt worden. Bei der gegenwärtig laufenden Mission STS 120 wurde das Segel ganz links außen an der zentralen Gitterstruktur der ISS neu montiert und sollte wieder ausgefahren werden.

Zwei der vier Segel des P6-Generators waren halbwegs problemlos entfaltet worden, obwohl es einige kleinere Schwierigkeiten mit den Führungskabeln gab. Auch die anderen beiden Elemente ließen sich auf etwa 80 Prozent ausfahren, als sich die Segel offensichtlich ebenfalls an einem Führungsseil verhakten. Der Motor für den Ausfahrmechanismus lief jedoch weiter, und dadurch kam es zu dem Riss im Segel.

Der Schaden trat innerhalb von Sekunden und zunächst unbemerkt von den Astronauten auf, die in dieser Phase durch einen schlechten Sichtwinkel und die frontal stehende Sonne behindert waren. Raumstationskommandantin Peggy Whitson bemerkte den Vorfall dann zuerst und stoppte augenblicklich die Entfaltung, gerade noch rechtzeitig um das mögliche vollständige Reißen des Segels zu verhindern.

Die Astronauten an Bord der ISS und des Shuttles, und die Ingenieure in Houston und Moskau überlegen momentan intensiv, wie mit dem Vorfall umzugehen ist. Aus jetziger Sicht ist die Situation so, dass das P6-4B Segel, wie es offiziell heißt, weder ein- noch weiter ausgefahren werden kann. Zusätzlich muss es mit einer Zugwirkung von etwa 30 Kilogramm auf Spannung gehalten werden, um die strukturelle Stabilität weiter zu gewährleisten. Der Vorfall hat weiter zur Folge, dass beide Solargeneratoren auf der linken Seite der Station, P6 und P4 momentan nicht in einen optimalen Winkel zur Sonne bewegt werden können.

Derzeit ist noch unklar, welche Maßnahmen getroffen werden sollen, und ob das Problem Auswirkungen auf die nächste Mission im Dezember hat, bei der das europäische Columbus-Modul zur Station gebracht werden soll. Die Energieproduktion der Station ist momentan ohnehin etwas eingeschränkt, weil einer der beiden Nachführ-Motoren für die Generatoren auf der rechten Seite der Zentralstruktur, deren Aufgabe es ist die Solarzellenflächen immer optimal zur Sonne auszurichten, momentan abgestellt ist, weil die Astronauten exzessiven Abrieb im Mechanismus festgestellt hatten.

Noch schwieriger wird die Sache dadurch, dass sich der Schaden an einer Stelle befindet, an der momentan keiner der Shuttle-Robotarme Zugriff hat. Damit ist auch für einen Astronauten die Stelle kaum erreichbar. Die einzige Möglichkeit an diese Stelle hinzukommen bestünde darin, den bereits voll ausgefahrenen inneren der beiden "Portside-Generatoren", wie sie die NASA auch nennt, wieder einzufahren - ein Manöver, das die Raumfahrtbehörde nach den Erfahrungen mit dem äußeren Segel natürlich scheut. Es besteht allerdings kein unmittelbares größeres Problem insofern, als die Energieleistung des Segels durch den Riss offensichtlich kaum beeinträchtigt zu sein scheint. Wie das Bodenkontrollteam festgestellt hat, leisten die bislang ausgefahrenen Teile des Segels etwa 97 Prozent ihrer Nennleistung. Die geringfügig schwächere Leistung ist eher darauf zurückzuführen, dass die äußeren Elemente des Segels noch ein wenig gefaltet sind.

Derzeit plant die NASA am Samstag ein Außenbordmanöver durchführen zu lassen, um die Beschädigung so genau wie möglich unter die Lupe zu nehmen. An einer eventuellen Reparaturstrategie wird derzeit noch gearbeitet.

Astra