Die letzte Mission des Jahres, der Start des angolanischen Nachrichtensatelliten Angosat-1, jagte der russischen Raumfahrtindustrie noch einmal einen gehörigen Schrecken ein, und erneut wird wohl eine Überprüfung der Qualitätssicherungs-Prozesse in Russland die Folge sein. Nach einem erfolgreichen Start mit einer Trägerrakete des Typs Zenit 3F, dem ersten Einsatz einer solchen Rakete seit über zwei Jahren, verlor das Kontrollzentrum kurz nach dem Absetzen des Satelliten den Kontakt mit dem Raumfahrzeug. Zwei Tage später gelang es, die Funkverbindung wieder herzustellen.

Die Mission begann um 20:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit an der Rampe 1 des  Startkomplexes 45 in Baikonur. Sie ist eine von ursprünglich zwei Startrampen an diesem Komplex. Der zweite Launch Pad wurde 1990 bei der Explosion einer Zenit-Rakete, wenige Sekunden nach dem Liftoff, vollständig zerstört und danach nie wieder aufgebaut.

Die zweistufige Zenit erreichte mit ihrer insgesamt 13.500 Kilogramm schweren Nutzlast acht Minuten und 47 Sekunden nach dem Verlassen der Startrampe den Orbit. Diese Nutzlast bestand aus der Fregat-SB Transferstufe und dem Satelliten. 45 Sekunden nach dem Einschuss in die Parkbahn um die Erde zündete die Fregat für eine erste Brenndauer von sieben Minuten und 55 Sekunden Dauer. Drei Stunden 23 Minuten und 55 Sekunden nach dem Liftoff begann eine zweite Brennphase, die dieses Mal elf Minuten und acht Sekunden dauerte. Danach war ein Transferorbit für die geostationäre Umlaufbahn erreicht. Es dauerte nun mehr als fünf Stunden, bis die Fregat mit dem Satelliten den Scheitelpunkt der Bahnparabel in 36.000 Kilometern Höhe erreicht hatte. Dann folgte ein drittes Brennmanöver mit einer Dauer von acht Minuten und 41 Sekunden. Angosat-1 wurde zwei weitere Minuten später, genau sechs Stunden, 54 Minuten und 43 Sekunden nach dem Verlassen der Startrampe, in einer Umlaufbahn mit einem Perigäum von 35.963 Kilometern, einem Apogäum von 36.116 Kilometern und einer Bahnneigung zum Äquator von 0,06 Grad auf einer östlichen Länge von 50,1 Grad ausgesetzt. Diese Bahn liegt einige hundert Kilometer über dem geostationären Gürtel und erlaubt es dem Satelliten, in den nächsten Tagen auf seine endgültige Stationierungspunkt hinzudriften, die bei 14 Grad östlicher Länge liegt.

Nach dem Absetzen bestand für einige Minuten Telemetrieverbindung mit dem Satelliten. 42 Minuten nach der Trennung von der Fregat, kurz vor dem Entfalten der ersten beiden Solarpanel-Flügel wurde der Kontakt jedoch unterbrochen. Danach gab es für zwei volle Tage keine Funkverbindung mehr mit dem Raumfahrzeug. Doch dann meldete sich der Satellit wieder. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass in der Aktivierungsphase der ersten Solargeneratorelemente, Antennen und Sensoren die Batterieleistung so niedrig wurde, dass sich der Satellit in den Safe-Mode begab und erst dann wieder meldete, als die Batterien vollgeladen waren. Dies deutet entweder darauf hin, dass er bereits mit teilweise entladenen Batterien gestartet war (denn im Nominalfall müssten sie für etwa 16 Stunden nach der Trennung von der Oberstufe die volle Betriebsspannung aufrechterhalten können) oder aber dass ein Softwarefehler im Betrieb des elektrischen Systems vorlag.

Die Geschichte dieses Starts ist in mehrfacher Hinsicht bewegt, und der Cliffhanger an dessen Ende passt in das Gesamtbild. Angosat-1 sollte ursprünglich vom Sea Launch-Konsortium von der Meeresplattform Odyssey aus starten. Nach dem Bankrott des Konsortiums, dem einst neben Boeing auch der ukrainische Hersteller der Rakete, Juschnoje, und das russische Raumfahrtunternehmen Energia angehörten, war jedoch die Zukunft der Zenit-Rakete ungewiss. Dies umso mehr, als sich Russland mit der Ukraine seit einem Jahr de facto im Krieg befindet.

Zwei Raketen waren aber vor zweieinhalb Jahren, noch vor dem Ausbruch des Konfliktes, von der Ukraine nach Kasachstan geliefert worden. Sie sollten die beiden Satelliten Lybid und Spektr-RG starten. 2016 wurde Spektr auf eine Proton/Blok-DM03 transferiert (der Start soll im ersten Halbjahr 2018 stattfinden), wodurch eine der beiden Raketen frei wurde. Der wurde nun für Angosat-1 verwendet.

Insgesamt schienen sich die Aussichten für die Zenit zu verbessern, denn im vergangenen Jahr kam es zu einer Übereinkunft zwischen Juschnoje, Energia und der russischen Fluggesellschaft S7, weitere Starts mit diesem Träger durchzuführen. S7 gab Pläne bekannt, zwölf Zenit-Raketen zu kaufen. Allerdings blieb es bislang bei der einzelnen Einheit für die Durchführung des Angosat-Starts. Die Startdurchführung in Baikonur wurde weitgehend mit russischem Personal abgewickelt. Ganz ohne die Spezialisten von Juschnoje ging es aber nicht. Dazu brauchte es eine Ausnahme-Genehmigung von der ukrainischen Regierung in Kiew. Die erfolgte im August 2017.

Der Start war noch einmal in Gefahr, als es Ende November bei einer Mission von Wostotschny aus durch eine zu einem Fehlstart kam, bei der eine Fregat-Oberstufe beteiligt war. Dies stellte auch die Funktionsfähigkeit der weitgehend baugleichen orbitalen Antriebsstufe der Zenith in Frage. Die Bedenken konnten aber innerhalb weniger Tage ausgeräumt werden. Der Fehlstart in Wostotschny war durch einen ziemlich bizarren Fehler bei der Kalibrierung der Flugsteuerungseinheit verursacht worden. Dieses Gerät war in seiner Funktion ausschließlich für Starts von Baikonur und Plesetzk ausgerichtet gewesen. Dass für einen Start von Wostotschny aus eine andere Kalibrierungsmethode erforderlich war, hatte man schlichtweg übersehen.

Gebaut wurde Angosat-1 von der russischen Firma Energia, die Kommunikationsnutzlast des Satelliten stammt von Airbus Defence und Space in Toulouse. Das Raumfahrzeug ist relativ klein, er wog beim Start nur 1.647 Kilogramm. Allerdings wurde er von der Fregat-Oberstufe des Trägers direkt im geostationären Orbit abgesetzt, und sparte sich damit ein eigenes Antriebssystem und die Treibstofftanks. Hätte er den Transfer in den geostationären Orbit selber bewerkstelligen müssen, wäre das Gewicht des Satelliten etwa in der Gegend von 4.300 Kilogramm gelegen. Angosat-1 trägt 16 C-Band-Transponder und sechs Ku-Band Transponder und soll vom angolanischen Ministerium für Telekommunikation und Information betrieben werden, das auch der Auftraggeber für das Raumfahrzeug war. Das „Hauptkontrollzentrum“ wird in Angola liegen (in der Stadt Funda), sicherheitshalber richtete aber Energia eine Back-up-Kontrollstelle in Moskau ein.

Die Lebenszeit von Angosat-1 ist auf mindestens 15 Jahre ausgelegt. Das so genannte „Station-keeping“, also alle Positionsmanöver im geostationären Orbit, sollen acht Hall-Effekt Ionentriebwerke des Typs SPT-70 (Hersteller: Fakel) bewerkstelligen.

Bild: Zenit 3F-Trägerrakete bei der Startvorbereitung; Credit: Roskosmos