In den letzten 15 Jahren ist es Russlands Raumfahrt nicht ein einziges Mal gelungen - trotz rückläufiger Startzahlen - ein ganzes Jahr unfallfrei zu bleiben. Heuer hätte es beinahe geklappt, aber dann führte am 28. November ein grotesker Fehler dazu, dass Russland neben einem teuren Wettersatelliten der Meteor-Reihe noch weitere 18 Kleinsatelliten, darunter die ersten 10 Flugeinheiten der Lemur 2-Konstellation von Spire Global in den Atlantik versenkte. Noch ist nicht vollständig klar, wie die Sache passiert ist, man darf aber schon heute eine - wahrscheinlich ziemlich begründete - Vermutung aussprechen, dass wieder einmal das katastrophale russische Qualitätsmanagement zum zahlreich wiederholten Male einer sündteure Raumfahrtmission ein frühes Grab bescherte.

Der Start hatte zunächst normal begonnen. Der Liftoff erfolgte um 8:42 Uhr Moskauer Zeit (6:42 Uhr mitteleuropäischer Zeit) von der Startanlage 1S an Russlands neuem Raumflughafen in Wostotschny. Es war erst die zweite Mission von dort aus, die erste war im April letzten Jahres erfolgt. Als Träger wurde eine Rakete des bewährten Typs Sojus 2.1b zusammen mit einer "Fregat-M"-Oberstufe eingesetzt. Sowohl beim Träger als auch die Oberstufe lagen offensichtlich keinerlei technische Probleme vor, und somit hätte die Mission perfekt verlaufen können. Der Flug der ersten drei Stufen konnte direkt verfolgt werden. In dieser Zeit verlief die Mission nominal. Um eine erste Übergangsumlaufbahn zu erreichen, war danach ein Brennmanöver der Fregat von etwa 90 Sekunden Dauer notwendig. Weitere 46 Minuten später sollte das zweite Brennmanöver stattfinden, eine Zündung von knapp unter einer Minuten Dauer. Kurz danach sollte zunächst der Meteor-Wettersatellit freigegeben werden, bevor dann ein drittes Brennmanöver erfolgen sollte, um mit dem Absetzen der anderen Satelliten zu beginnen. Insgesamt waren für die Fregat sieben Brennphasen über eine Zeit von mehr als fünf Stunden vorgesehen.

Die Fregat mit den Satelliten geriet noch vor ihrer ersten Brennphase - wie geplant und aufgrund der geografischen Gegebenheiten und des nicht vollständigen russischen Relaysatellitennetzes nicht anders möglich - aus dem Bereich der russischen Kontrollstationen. Alle Brenn- und Absetzmanöver sollte die Fregat M selbständig ausführen. Gegen 12:08 Moskauer Zeit gab die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos bekannt, dass es nicht gelungen sei, Kontakt mit der Kombination aufzunehmen, und dass man annehme, dass diese sich nicht in ihrem Zielorbit befinde. Der geplante Orbit sollte eine Bahnhöhe von 1.000 Kilometern und eine Bahnneigung zum Äquator von 99,46 Grad aufweisen.

Später am Nachmittag wurden schließlich die Nachricht verbreitet, dass die „Settings“ für die Flugsteuerung der Fregat irrtümlich für einen Start vom 5.000 Kilometer entfernten Baikonur ausgelegt gewesen. Offensichtlich hatte man vergessen, die Grundeinstellungen der Gyroskope auf den Startplatz Wostotschny abzuändern, wodurch der Bordcomputer mit falschen Daten arbeitete und sich selbst, zusammen mit der Nutzlast, über Island in die Erdatmosphäre zurücksteuerte. Das Verglühen konnte dort gut beobachtet werden. Es gibt sogar eine Filmaufnahme davon, die vom British Airways Flug BAW94 auf dem Weg von Montreal nach London gemacht wurde. Ein ausführlicher Bericht – es ist eine „developing story und wird laufend um die neuesten Erkenntnisse ergänzt - zu diesem grotesken Fehler findet sich auf Antatoly Zaks Hompepage http://www.russianspaceweb.com/meteor-m2-1.html#1130

Der Fehlschlag bedeutet nicht nur einen materiellen Schaden von mehreren hundert Millionen Euro, es ist auch ein weiterer schwerer Schlag für die Reputation der russischen Raumfahrtingenieure.

Neben dem 2.750 Kilogramm schweren Meteor-M Nr. 2-1 waren die folgenden weiteren Nutzlasten an Bord der Rakete und sind nunmehr verloren:

Der 70 Kilogramm schwere LEO-2, der erste von zwei Prototypen welch die kanadische Telekommunikationsunternehmen Telesat bei UTIAS/SFL bestellt hat. Mit diesem Raumfahrzeug sollte die technische Machbarkeit einer Konstellation mit hohem Datendurchsatz in einer niedrigen Erdumlaufbahn untersucht werden.

Der 86 Kilogramm schwere Baumanets-2, gebaut von den Studenten der Moskauer Baumann-Universität, ein Erdbeobachtungssatellit.

Der norwegische AISSat-3, 6,5 Kilogramm schwer, der vom norwegischen Space Centre hätte betrieben werden sollen. Er sollte automatische Schiffsidentifizierungs-Signale aufzeichnen und war als Nachfolger von AISSat-1 und AISSat-2 vorgesehen, die 2010 und 2014 gestartet worden waren.

Corvus-BC-3-1 und BC-3-2 für die US-Firma Astro Digital. Dabei handelt es sich um zwei sechs-Unit-Cubesats mit einer mittelhoch auflösenden Multispektralkamera. Sie sollten Teil einer zukünftigen 30-Satelliten-Konstellation sein, und dafür die Flugeinheiten drei und vier bilden.

Der D-Star One Satellit der German Orbital System GmbH, ein drei Einheiten großer CubeSat für Amateurfunk-Anwendungen.

IDEA OSG 1, ein 22 Kilogramm schwerer Satellit der japanischen Firma Astroscale, der Weltraummüll aufspüren sollte.

Der Small Explorer for Advanced Missions (SEAM), ein 4,7 Kilogramm schwerer, Drei-Unit-Cubesat der in Gemeinschaftsarbeit vom schwedischen Royal Institute of Technology, dem Swedish Space Centre entwickelt und gebaut wurde. Es sollte ein kombinierter Technologie- und Forschungssatellit sein und für letzteren Zweck die Magnetfelder in der Ionosphäre untersuchen.

Und schließlich noch die ersten zehn Satelliten der Lemur 2-Navigationskonstellation für Spire Global, die jeweils 4,5 Kilogramm wiegen.

Bild: Start der Sojus 2.1b von Wostotschny; Credit: Roskosmos