Der misslungene Versuch Chinas, mit der neuen Großträgerrakete Langer Marsch 5 den gewaltigen experimentellen Kommunikationssatelliten Shijian 18 in einen geostationären Transferorbit zu bringen, dürfte der teuerste Fehlschlag in der Geschichte der chinesischen Raumfahrt sein. Dabei sah zunächst alles perfekt aus. Die Mission begann um 13:23 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Startkomplex 101 des neuen Weltraumbahnhofs von Wenchang am Gelben Meer. Die ersten Flugminuten bis hin zur Trennung der Booster verliefen offensichtlich problemlos. Dann aber kam es zu einem noch nicht näher bekannten Leistungsabfall in der Zentralstufe des Trägers, verursacht offensichtlich durch ein Versagen eines der beiden YF-77 Triebwerke. Dieser Raketenmotor stellt die bedeutendste technische Entwicklung des Langer Marsch 5-Programms dar.

Der Start wurde vom chinesischen Fernsehen direkt übertragen. So konnten Beobachter erkennen, dass die Kommentare der Berichterstatter und die Fernsehbilder etwa ab 4:15 Minuten nach dem Verlassen der Startrampe nicht mehr zusammenpassten. Die Bordkameras der Rakete zeigten einen Ausgasungsvorgang im Triebwerksbereich, und bei den Bildschnitten in das Kontrollzentrum war klar zu erkennen, dass die auf dem dortigen Hauptbildschirm sichtbare aktuelle Flugkurve immer weiter von der geplanten Bahn abwich. Der Abwurf der Nutzlastverkleidung erfolgte allerdings noch zum geplanten Zeitpunkt 4:43 Minuten nach dem Verlassen der Startrampe. Bei 5:44 war beim linken Triebwerk kein Verbrennungsvorgang mehr erkennbar.

Die Trennung von erster und zweiter Stufe fand etwa 100 Sekunden später statt, als geplant, und bei wesentlich niedrigeren Bahnparamatern. Dies deutet auf einen Totalausfall eines der beiden YF-77 Triebwerke der Zentralstufe hin, welches das zweite Triebwerk zu kompensieren versuchte. Die zweite Stufe zündete noch, blieb aber nur für etwa drei Minuten in Betrieb. Danach dürfte der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre erfolgt sein.

Shijian 18 war ein massives Raumfahrzeug mit einer Startmasse von fast 8.000 Kilogramm. Der weltweit schwerste zivile Kommunikationssatellit der jemals gestaret wurde. Er basiert auf der neuen DFH-5 Plattform der China Academy of Spaceflight (CAST) die den Betriebssystemen und der Nutzlast 18 Kilowatt Leistung zur Verfügung stellt. Er war gespickt mit neuester Technologie, unter anderem mit einer Batterie von Ionentriebwerken für das Orbit-Raising und das Stationkeeping. Shijian 18 sollte auf einem Transferorbit mit einem Perigäum von 200 Kilometern und einem Apogäum von 46.000 Kilometern bei einer Bahnneigung von 19,5 Grad abgeliefert werden.

Für die Langer Marsch 5 war der Flug am 2. Juli erst die zweite Mission. Der Träger ist derzeit, bis zur Einführung der Falcon 9 Heavy, die schwerste und leistungsfähigste Trägerrakete weltweit. Sie ist 57 Meter lang, wiegt beim Start 870 Tonnen und kann 25 Tonnen Nutzlast auf eine niedrige Erdumlaufbahn bringen, 14 Tonnen auf einen geostationären Transferorbit und mindestens 8,5 Tonnen auf Fluchtgeschwindigkeit beschleunigen. Die Rakete und ihre Varianten ist zur (möglichst) absoluten Zuverlässigkeit verdammt, denn mit ihr sollen in Zukunft die wichtigsten, teuersten und schwersten nationalen chinesischen Nutzlasten in den Orbit und darüber hinaus transportiert werden: Raumstationsmodule, Mond- und Planetensonden.

Die Auswirkungen des Fehlschlags könnten beträchtlich sein. Die nächste Mission der Langer Marsch 5 war für November geplant. Dann sollte die hochkomplexe Raumsonde Chang’e 5 zu einer Sample-Return Mission zum Mond starten. Das wird aber nur möglich sein, wenn die Fehlerursache schnell gefunden wird, und es sich um kein konstruktives Problem handelt, das eine aufwendige Nachentwicklung erfordert. Es ist gut möglich, dass die chinesischen Raumfahrtingenieure erst einen weiteren Testflug mit der Langer Marsch 5 durchführen wollen, bevor sie der Rakete erneut eine Nutzlast anvertrauen.

Bild: Langer Marsch 5 mit Shijian 18 wird zur Startrampe gefahren; Credit: ChinaNews