Supergeheimes Schwergewicht im Orbit

StartDie USA setzten am 29. Juni ihre Serie militärischer Starts mit geheimen Nutzlasten des National Reconnaissance Office fort. Beim insgesamt sechsten Start einer Delta IV „Heavy“ Rakete, dem derzeit weltweit leistungsfähigsten Raumfahrtträger, wurde ein Satellit mit der Bezeichnung NRO-L15 wahrscheinlich auf eine geostationäre Transferbahn befördert. Genau ist das allerdings nicht bekannt. Rückschlüsse auf die Flugbahn konnten lediglich aus den Abwurfzonen für die Booster gezogen werden.

Die ersten Minuten des Start wurde zwar im Fernsehen übertragen - der Start einer derart mächtigen Rakete vom dichtbesiedelten Florida aus lässt sich auch gar nicht verbergen - aber sechs Minuten und 46 Sekunden nach dem Verlassen der Startrampe, unmittelbar nachdem die Nutzlastverkleidung abgeworfen worden war, beendete die ULA (United Launch Alliance) die Übertragung "on request of the customer" wie es hieß.

Die "Heavy", wie die Rakete auch kurz genannt wird, dürfte in der Lage sein, eine Nutzlast von etwa 13 Tonnen in eine geostationäre Transferbahn zu bringen. Die am heutigen Tag eingesetzte Rakete verwendete als erste Einheit eine verstärkte Version der RS-68 Triebwerke, die nun die Bezeichnung RS-68A tragen.

Über die Art der Nutzlast wurde viel spekuliert. Vor allem auch wegen der niedrigen Nummer in der NRO-Kennung. Die Zahl15 deutet darauf hin, dass dieser Satellit viele Jahre lang eingelagert worden sein muss, oder aber einen sehr langen Verzug in der Entwicklung erfahren hat. Das National Reconnaissance Office führt nur wenige Starts pro Jahr durch, und der letzte Start, erst der erst vor wenigen Wochen stattfand, trug die Nummer 38. Allerdings veriefen nur die frühen Starts der NRO-Satelliten sequenziell, seit einigen Jahren ist hier keine sinnvoll erscheinende Nummernfolge mehr zu beobachten. So lauteten die Nummern der vier NRO-Starts des Jahres 2011 NRO-L49, NRO-L66, NRO-L27 und NRO-L37.

Früher war das aber anders. Bis auf NRO-L15 eben. Der startete nun ziemlich genau elf Jahre nach NRO-L14, einem Spionagesatelliten der Keyhole 11-Klasse und sieben Jahre nach dem Start von NRO-L16 einem Radaraufklärer der Lacrosse-Serie. Schon NRO-L16 war ziemlich spät für den Start dran, angesichts seiner niedrigen Seriennummer.

NRO-L15 ist eine von nur zwei Raumfahrzeugen mit einer Nummer unter 30, die noch nicht geflogen ist. Die andere Einheit war NRO-L29 und von der weiß man mit Sicherzeit, dass das Vorhaben storniert wurde (und somit auch kein Start mehr stattfinden wird).

Im Jahre 2006 gab es einen Hinweis des US National Defense Research Institute, dass eine der NRO Nutzlasten die maximale Startkapazität der Delta IV „Heavy“ erheblich überstieg. Um welche Nutzlast es sich handelte, wurde damals nicht gesagt. Zu diesem Zeitpunkt nannte das Dokument aber nur drei NRO-Nutzlasten, die überhaupt für die „Heavy“ gebucht waren, nämlich  NROL-26, NROL-15 und NROL-37. Aufgrund der jetzt zur Verfügung stehenden höheren Nutzlastkapazität durch die leistungsstärkeren RS-68A Triebwerke könnte es sich bei NROL-15 um das fragliche „überschwere“ Raumfahrzeug handeln.

NROL-15 war das 35. Raumfahrzeug das unter einer NRO-Bezeichnung flog. Diese Bezeichnungspraxis begann im Jahre 1996, als das National Reconnaissance Office erstmals öffentlich zugab, dass es Raumfahrzeuge startete. Bis heute ist unklar, wie die Satelliten zu ihren Bezeichnungen kommen. Bekannt ist nur, dass noch nie zwei aufeinanderfolgende Nummern der selben Satellitenklasse zugeordnet wurden.

Die Flugbahn des Trägers – exakt nach Osten – deutet darauf hin, dass die Nutzlast auf einem geostationären Transferorbit abgesetzt werden soll. Das deutet auf einen ELINT-Satelliten hin (Electronic Intelligence) vom selben Typ wie NRO-L26 und NRO-L32.  Bei diesen Raumfahrzeugen handelt es sich um Raumfahrzeuge der Mentor-Klasse.

Auch die Art der eingesetzten Nutzlastverkleidung deutet darauf hin. Die „Heavy“ war mit einer dreiteiligen, metallischen Fairing ausgerüstet, die noch aus dem Titan IV-Programm stammt. Sie hat einen Durchmesser von 5,8 Metern und ist 19,8 Meter lang. 70 Zentimeter länger als die Standard-Nutzlastverkleidung der „Heavy“, eine zweiteilige Fairing aus Komposit-Werkstoffen ist. Diese metallische Fairing wurde bei dieser Mission schon zum vierten Mal bei einem Delta IV-Start verwendet. Zuvor war sie schon bei den Starts von DSP-24, NRO-L25 und NRO-L32 verwendet worden.