Countdown für das Himmlische Schiff
Alle Zeichen deuten darauf hin, dass China am 16. Juni eine dreiköpfige Crew zur experimentellen Raumstation Tiangong-1 entsenden wird. Es ist dies der vierte bemannte chinesische Raumflug in einem Zeitraum von neun Jahren seit Yang Liwei’s historischer eintägiger Mission mit Shenzhou 5 am 15. Oktober 2003.
Der Countdown für das Raumschiff Shenzhou 9 und seine Trägerrakete vom Typ „Langer Marsch 2F“ begann am Mittwoch um 12:37 Uhr mitteleuropäischer Zeit, exakt 72 Stunden vor dem geplanten Startzeitpunkt. Am kommenden Samstag wird es somit ernst, vorausgesetzt das Wetter spielt mit und es treten keine technischen Probleme auf. Zum ersten Mal wird eine Frau zur Besatzung des "Himmlischen Schiffes" gehören, wie das Raumfahrzeug ins Deutsche übersetzt heißt. Die Luftwaffen-Pilotin Liu Yang wird die Reise zusammen mit ihrem Kameraden Liu Wang und Jing Haipeng unternehmen.
Das Ziel des Raumschiffs, die Mini-Raumstation Tiangong-1, ist sich schon seit mehr als acht Monaten in der Umlaufbahn und mit der unbemannten Shenzhou 8 im vergangenen Herbst bereits ausgiebig getestet.
Vier bemannte Raumflüge in neun Jahren. Das sieht zunächst nicht nach sonderlich sportlichem Tempo aus. Tatsächlich ist aber das, was China hier Russland und USA nachvollzieht, kaum langsamer, als das, was seinerzeit die großen Rivalen des Kalten Kriegs zur "Sturm und Drangzeit" der Raumfahrt leisteten. Zwischen dem ersten bemannten sowjetischen Raumflug und der ersten Crew an Bord einer experimentellen Raumstation (Salut 1) vergingen damals 10 Jahre. Bei den Amerikanern waren es zwischen John Glenns erstem Orbitflug im Februar 1962 und Skylab 1 (dort allerdings nach Absolvierung eines hoch erfolgreichen bemannten Mondprogramms) elfeinhalb Jahre.
In Europa braucht an Chinas Zeitplänen ohnehin niemand Kritik zu üben. Hier ist die Situation seit Jahrzehnten nicht anders als beschämend zu nennen. Hier konnte man sich bislang nicht dazu durchringen, ein bemanntes Raumfahrtsystem auf die Beine zu stellen. In der technischen und wirtschaftlichen Reichweite wäre es allemal. Selbst heute, im Zeichen der ökonomischen Krise, sind die Beträge, die man benötigt, um eigenständige bemannte Raumfahrt zu betreiben „Peanuts“, verglichen mit den ungeheuren Summen die man windigen Finanz-Hasardeuren hinterher wirft.
Man kann es nicht oft genug sagen: Die Investition in ein bemanntes Raumfahrtprogramm ist eine technische, wirtschaftliche und kulturelle Blutauffrischung für ein Gemeinwesen. Mittel für die Raumfahrt werden nicht im Weltraum ausgegeben. Es ist Kapital, das auf der Erde die Innovationskraft Europas fördert, die Menschen begeistert und die Akzeptanz für hochqualifizierte technische Berufe steigert, die gerade jetzt für Europas Wirtschaft so bitter nötig sind. Vor allem aber würde ein eigenes bemanntes Raumfahrtprogramm Europa von der Willkür derer abkoppeln, die man jetzt für Mitflüge bitten muss, um zur eigenen und mit viel Geld erstellten Immobilie im Weltraum (dem mit der ISS verbundenen Weltraumlabor Columbus) gelangen kann.
Die Chinesen sind jetzt jedenfalls da, wo Europa längst sein sollte. Was für Shenzhou 9 im Flugplan steht, ist die bislang mit weitem Abstand anspruchsvollste chinesische Raumfahrtmission. Die drei Taikonauten werden nach dem Start zwei Tage brauchen, bis sie Tiangong-1 erreichen und dort anlegen können. Dort folgt eine mehrtägige Erprobungsphase der kombinierten Einheiten bevor dann, nach voraussichtlich insgesamt 12 Tagen im Orbit eine Landung in der Wüste Gobi die Mission abschließen wird.
Kommandant des Einsatzes ist der 46jährige ehemalige Jing Haipeng, der seine Karriere als Jagdpilot begann und schon seit 1998 im bemannten chinesischen Raumfahrtprogramm ist und zur ersten Auswahlgruppe von Taikonauten gehörte. Er hat bereits einen Raumflug absolviert und war Bordingenier bei der Mission von von Shenzhou 7 im September 2008. Mit ihm fliegt Liu Wang, 43 Jahre alt und ebenfalls noch aus der ersten Gruppe. Er war seinerzeit Mitglied der Ersatzcrew von Shenzhou 7. Drittes Besatzungsmitglied ist die 34jährige Liu Yang, die von großem Medieninteresse begleitete Frau an Bord. Sie stieß erst vor zwei Jahren zum Taikonauten-Corps.
Das Transportraumschiff Shenzhou hat übrigens noch eine große Karriere vor sich. Es wird in absehbarer Zukunft Chinas Taikonauten zum Mond und von dort wieder zurück zur Erde bringen.
Astra
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