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Verhinderter CERN-Austritt - ein 2. Hainburg?

CERN-Logo / Illustration; Credit: Norbert Frischauf 25 Jahre nach den Ereignissen in der Stopfenreuther Au siegt wieder der "zivile Ungehorsam" in Österreich. Auch dieses Mal ging es um die Natur - allerdings um die Naturwissenschaft. Anders als damals wurde die Konfrontation aber nicht in der Au von engagierten Umweltschützern, sondern von weltweit vernetzten Wissenschaftlern vorangetragen. 2009 gab es keine Besetzung und auch keine Handschellen - das Ergebnis war trotzdem das selbe...

18. Mai 2009. In einer Pressekonferenz stellt Bundeskanzler Faymann das klar, worauf die österreichische Wissenschaftlergemeinde vehement gedrängt hatte: "...Reputation und Ansehen Österreichs ist etwas, das übergeordnetes Interesse hat" - "Ich kann mir einen [CERN]-Austritt nicht vorstellen, ich bin dagegen " so Faymann.

Uff. Nach elf Tagen hat der österreichische Bundeskanzler also mit dem Schreckgespenst "Österreich tritt aus dem CERN aus" (siehe auch den ORION-Artikel "Grüße aus Schilda: CERN-Austieg Österreichs") aufgeräumt und seinen Wissenschaftsminister Hahn zurückgepfiffen.

Elf Tage, welche rückblickend wie eine kurze Zeit erscheinen müssen, den Beteiligten aber wie viele lange Wochen vorgekommen sind.

Nachdem Bundesminster Hahn am 7. Mai 2009 mit seiner Absicht an die Öffentlichkeit getreten ist, gab es zuallererst nur einmal ungläubiges Staunen. Getreu dem Motto: "Das gibt es doch nicht!" dauerte es eine Weile bis der Schock überwunden worden war. Der Schock war naturgemäß umso schlimmer, weil niemand (!) aus der Teilchenphysiksparte konsultiert oder hinreichend informiert worden war. Die Ankündigung traf somit alle wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Retrospektiv mutet es daher erstaunlich an, wie schnell sich der Widerstand zu formieren begann. Eine eigene WWW-Seite (sos.teilchen.at) wurde ins Leben gerufen, Wissenschaftlerkollegen aus dem In- und Ausland informiert und die Medien eingeschaltet. Binnen kurzem begann sich ein Grundtenor des Widerstands zu formen und die Botschaft war klar: Der propagierte Ausstieg aus dem CERN entbehrt jeglicher seriösen wissenschaftlichen Logik.

Stück für Stück wurden die vorgebrachten Argumente widerlegt. Die als Hauptmotiv angeführte Kostenersparnis konnte angesichts der zu erwartenden verzögerten zeitlichen Wirksamkeit konterkariert werden, angeführte Budgetzahlen wurden ins rechte Licht gerückt. Die wissenschaftliche Sinnhaftigkeit wurde anhand der letzten CERN-Erfolge untermauert. Die verstärkte Kommunikation innerhalb der Gruppe förderte Wortmeldungen prominenter Wissenschaftlerkollegen zu Tage - zu guter Letzt hatten sich 16 Nobelpreisträger (!) für die Fortsetzung der CERN-Mitgliedschaft Österreichs ausgesprochen. Auch Kollegen aus anderen Wissenschaftsbereichen unterstützten ihre Teilchenphysikerkollegen.

Ein paar Tage nachdem die SOS-Teilchen WWW-Seite online gegangen war, wurde eine öffentliche Petition gestartet. Diese wurde ein immenser Erfolg. Innerhalb weniger Tage hatten mehr als 30.000 Personen die Online-Petition unterzeichnet - der propagierte CERN-Ausstieg war eindeutig kein Randthema mehr.

Schließlich verstärkten auch die Medien ihre Berichterstattung. Was zuvor nur in einer kleinen Randnotiz zu lesen war schaffte es schlussendlich auf Seite 2. Und spätestens damit begann die Stimmung zu kippen - so wie bei der Aubesetzung 1984. Plötzlich wurden auch in der Politik prominente Stimmen laut, welche den Vorschlag des Wissenschaftsministers kritisierten. Waren diese zuerst naturgemäß nur von der Opposition gekommen, so regte sich nun auch beim Koalitionsparter SPÖ Widerstand und dann auch innerhalb der ÖVP.

Innerhalb von 11 Tagen hatte das Thema so an Brisanz gewonnen, dass es zur Chefsache wurde. Als der Bundeskanzler nach einundeinhalb Wochen dem propagierten CERN-Austieg einen Riegel vorschob und die Diskussion für beendet erklärte war das Thema bereits gut genug für die Titelseite

Ende gut - alles gut? Fast ist man geneigt, das Ganze wie ein Märchen anzusehen. Ein glückliches Ende gibt es - gibt es aber auch eine Moral von der Geschichte?

Ja, das würde ich schon so sehen. Für mich ist die Moral der Geschichte, dass es die wissenschaftliche Forschung - und hierbei vor allem die Grundlagenforschung - bis dato noch immer nicht geschaft hat, als ein integraler Bestandteil der menschlichen Kulturleistungen angesehen zu werden. Vielmehr erscheint es mir, dass Wissenschaft noch immer etwas ist das man sich "leisten können" muss. Dabei ist es doch so, dass wir uns nicht leisten können auf die Wissenschaft zu verzichten. Probleme wie die globale Erwärmung, die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser und nachhaltig einsatzbarer Energie, die Bekämpfung von Krankheiten und Seuchen können NUR von der Wissenschaft gelöst werden. Das CERN ist da keine Ausnahme. Auch wenn es primär Fragen wie "Wie ist die Welt aufgebaut?", "Wie ist die Welt entstanden?" und "Was hält die Welt zusammen?" behandelt die nicht unmittelbar einen messbaren Nutzen erbringen, so ermöglicht es doch immer wieder bahnbrechende Entwicklungen in anderen Bereichen, wie der Computertechnik, das WWW oder der Medizintechnik. An diesem Punkt gilt es anzusetzen und die Wissenschaft in das Wohnzimmer von Otto Normalverbraucher zu bringen, damit sie schlussendlich ein anerkannter integraler Teil des Lebens wird. 

Jeder der einmal am CERN gewesen ist, erkennt sofort, dass es einer der herausragendsten Plätze dieser Erde ist. Den Beweis dafür tritt nicht zuletzt der Film "Illuminati" an, welcher das CERN in aufwändigster Weise gleich zu Beginn des Films vorstellt. Schon alleine die Tatsache, dass ein Multi-Millionen-Dollar Film aus Hollywood (!) einem europäischen Forschungslabor so einen breiten Raum widmet, qualifizert das CERN in meinen Augen als ein modernes Weltwunder.

Gut, dass Österreich weiter am Erfolg dieses Weltwunders mitarbeiten wird.

NeO