10.11.2007
- Zweiter Einsatz für Amerikas schwerste TrägerraketeNahezu
drei Jahre nach dem nur teilweise erfolgreichen Erprobungsflug der hoch
komplexen Delta 4 "Heavy" demonstrierte Amerikas schwerste Trägerrakete
am gestrigen Samstag Ortszeit (Sonntagmorgenn mitteleuropäischer Zeit)
in einer perfekten ersten Einsatzmission ihre Fähigkeiten. Der massive,
fast 70 Meter hohe Träger verließ die Startrampe am Komplex 37 der Cap
Canaveral Airforce Station um 20:50 Uhr US-amerikanischer Ostküstenzeit
(02:50 Uhr Sonntag früh in Mitteleuropa).
Als
Nutzlast
transportiert die mächtige Rakete den 23. und letzten Defense Support
Program Satelliten (DSP) zu einem Direkteinschuss in den geostationären
Orbit. Ein Trip, der von der Zündung der Triebwerke bis zur Freigabe
des Satelliten gut sechseinhalb Stunden dauerte. Die "Heavy"
ist
die größte Rakete, in Abmessungen, Gewicht und Leistungsfähigkeit, der
"Evolved Expendable Launch Vehicle Raketenfamilien Delta 4 und Atlas 5.
Sie ist in der Lage, die größten und schwersten US-Militärnutzlasten in
den Orbit zu tragen, und sie ist als einziger US-Träger in der Lage,
diese Nutzlasten direkt in den geostationären Orbit zu transportieren.
In dieser Funktion löst sie die Titan 4B ab, die seit einigen Jahren
nicht mehr im Dienst ist.
The Delta 4-Heavy ist die
weltweit
stärkste ausschließlich mit flüssigen Treibstoffen betriebene Rakete
und ihre Komplexität macht jeden Start zur echten Herausforderung.
Jeder
der drei parallel gebündelten so genannten "Common Booster Cores" ist
mit einem einzelnen Pratt & Whitney Rocketdyne RS-68
Haupttriebwerk
ausgestattet, das in Meereshöhe einen Schub von etwa 3.000 kN
entwickelt. Diese Triebwerke benutzen flüssigen Wasserstoff als
Treibstoff und flüssigen Sauerstoff als Oxidator Die mit den
gleichen kryogenen Treibstoffen betriebene Oberstufe verwendet ein
Pratt & Whitney Rocketdyne RL10B-2 Triebwerk.
Im
Dezember
2004 fand ein Demonstrationsstart der Delta 4-Heavy statt. Ohne
Nutzlast, nur mit einem instrumentierten Gewichtsdummy ausgerüstet. Der
Zweck dieses Starts war es, Flugerfahrung und Engineering-Daten über
die Leistungsfähigkeit dieses neuen Großträgers zu erhalten, bevor er
mit den extrem teuren Nutzlasten des Verteidigungsministeriums bestückt
wird.
Die Entscheidung der Air Force, eine
Testmission fliegen
zu lassen, stellte sich als weiser Entschluss heraus. Alle drei
Haupttriebwerke erlebten bei der Testmission einen vorzeitigen
Brennschluss. Schuld war ein Phänomens namens Kavitation. Dampfblasen
in den Leitungen für flüssigen Sauerstoff verwirrten die Sensoren. Sie
meldeten an den Bordcomputer, dass die Sauerstofftanks leer sind worauf
dieser die Triebwerke abstellten. Tatsächlich befand sich aber noch
genügend Treibstoff an Bord. Der zu frühe Brennschluss bewirkte, dass
die Rakete erheblich unterhalb des angestrebten Orbits strandete.
Beim
Start des gut 300 Millionen Euro teuere DSP 23 Satellit durfte so etwas
nicht passieren. Neben der vollen Funktionsfähigkeit der Booster und
der Zentralstufe waren auch an die Oberstufe erhebliche Anforderungen
gestellt. Es waren drei Brennmanöver notwendig, um den Direkteinschuss
in den geostationären Orbit zum Erfolg zu machen. Dazu waren eine
komplexe Flugbahn und eine sehr lange Einsatzphase des Trägers
notwendig.
Wegen der Langsamkeit des Trägers in der
ersten
Abhebephase ist der Start einer "Heavy" ungemein spektakulär. Das
Verhältnis von Schub zu Gewicht beträgt am Anfang nur 1,2 zu 1 und es
dauert über 15 Sekunden bis das Vehikel den Startturm passiert hat.
Die
Oberstufe ist eine vergrößerte Variante der Delta 3 und Delta 4 Medium
Oberstufe. Sauerstoff- und Wasserstofftank sind gegenüber diesen Typen
vergrößert. Dadurch kann die Oberstufe mehr Betriebsstoff aufnehmen und
in der Folge sind längere Triebwerksbrennzeiten möglich. Die
DSP-Satelliten bilden ein orbitales Überwachungssystem das
Raketenstarts und nukleare Waffentests auf der Erde und im Weltraum
feststellen kann. Die Raumfahrzeuge werden von Northrop Grumman gebaut
und ihre Infrarot-Teleskope können die Abwärme von Raketenmotoren gegen
den Erdhintergrund feststellen. Hier der Ablauf des gestrigen
Starts: Alle Zeitangaben in "Eastern Standard Time" (Florida Ortszeit).
20:49:30 Uhr:
Alle Systeme sind "go". Der Terminal Countdown Sequencer übernimmt 8,5
Sekunden vor dem Liftoff die Kontrolle über das Fahrzeug. Die
Zündung der drei RS-68 Triebwerke erfolgt 5,5 Sekunden vor dem Start.
Alle drei Motoren werden für einen letzten Check auf 102 Prozent
Schublevel hochgefahren und vom Bordcomputer getestet. Sind alle
Parameter im vorgegebenen Bereich, dann gibt der Rechner, der sich in
einem ringförmigen Segment zwischen zweiter Stufe und Nutzlast
befindet, den Start frei.
20:50:00 Uhr:
LIFTOFF! Alle drei Haupttriebwerke laufen mit maximaler
Schubleistung.
20:50:51 Uhr:
Das Triebwerk des Zentralsegmentes wird auf 57 Prozent Leistung
zurückgefahren. Dies verringert die dynamischen Lasten auf das Fahrzeug
und spart Treibstoff. Die Motoren der beiden Außensegmente laufen
weiterhin mit einem Power Setting von 102 Prozent. Der
Aufstieg
der "Heavy" in den Nachthimmel über Florida verläuft mit majestätischer
Langsamkeit. Begleitet wird das Schauspiel, das die Küste im gesamten
Breward County in fahles Licht taucht vom hellen Knattern und Brodeln
der drei mächtigen Triebwerke.
20:51:20 Uhr:
Die Heavy
nähert sich in etwa 12.000 Meter Höhe dem transsonischen
Geschwindigkeitsbereich. Zum Vergleich: Ein Shuttle würde zu diesem
Zeitpunkt schon 20 Kilometer hoch und mit Mach 2 fliegen. Die
dynamischen Lasten auf das Fahrzeug nehmen zu. Die Beschleunigung
wächst mit abnehmender Treibstoffmenge jetzt ebenfalls deutlich an.
Etwa 90 Sekunden nach dem Abheben durchbricht die "Heavy" die
Schallmauer.
20:53:15 Uhr: Auch
jetzt, 195 Sekunden nach
dem Start läuft noch das gleiche Brennprofil, das seit der ersten
Flugminute aktiv ist. Die äußeren Booster mit 102 Prozent Schub, die
zentrale Stufe mit 57 Prozent. Die drei Triebwerke sind sehr
unterschiedliche Persönlichkeiten. Weder sind ihre Leistung, noch ihre
Brennzeit exakt gleich. Die Konstruktion der Rakete trägt diesem
Umstand Rechung. Die Fluglageregelung kann Leistungsdifferenzen
ausgleichen. Für den Moment des Brennschlusses der Booster gilt: Das
erste der beiden Triebwerke das wegen niedrigen Treibstoffstandes
abschalten muss bedingt automatisch auch den Brennschluss des anderen
Motors um eine instabile Situation zu vermeiden.
20:53:
55 Uhr:
Die äußeren Common Booster-Triebwerke werden auf 58 Prozent
Schubleistung heruntergeregelt. Das dauert fünf Sekunden. Danach laufen
sie weitere 5 Sekunden in diesem Modus und werden dann abgestellt.
20:54:20
Uhr:
Die 15 Stockwerke hohen äußeren "Common Booster Cores", die in dieser
ersten Flugphase den Hauptschub geliefert haben, werden abgeworfen.
Kleine Feststoff-Raketenmotoren sorgen dafür, dass sich die riesigen
Einheiten sauber vom Zentralkörper lösen, und sofort auf Abstand von
gebracht werden.
20:54:30 Uhr:
Das Triebwerk des
verbliebenen zentralen "Common Booster Core" wird jetzt auf vollen
Schub hochgefahren. Diese Zentralstufe ist identisch zu den
beiden äußeren Einheiten. Wegen der konservativeren Treibstoffstrategie
die hier angewendet wurde kann sie aber etwa 90 Sekunden längern feuern
als die beiden äußeren, nunmehr abgeworfenen, Einheiten.
20:55:35
Uhr:
Brennschluss der Hauptstufe. Zehn Sekunden später detoniert eine
ringförmig angeordnete Sprengschnur und löst den zentralen "Common
Booster Core" von der zweiten Stufe mit der Nutzlast. Gleich danach
zündet das RL-10B-2 Triebwerk der Oberstufe.
20:56:20
Uhr:
Die dreiteilige Nutzlastverkleidung wird abgeworfen. Der Satellit ist
damit jetzt, in bereits mehr als 100 Kilometern Höhe, erstmals dem
freien Weltraum ausgesetzt.
21:03:12
Uhr: Erster
Brennschluss der zweiten Stufe. Ein niedriger Parkorbit ist erreicht.
Zum Vergleich: Ein Space Shuttle, der auch schon moderate
Beschleunigungswerte aufweist, schafft es bis hierher in acht Minuten
30 Sekunden. Die Kombination aus Zweitstufe und Satellit vollführt
jetzt in freier Drift fast eine ganze Erdumkreisung, bis sie wieder den
Schnittpunkt mit dem Äquator erreicht. Kurz zuvor wird sie vom
Lageregelungssystem exakt ausgerichtet.
22:05:36
Uhr: Das
RL10B-2 Triebwerk erwacht erneut zum Leben und feuert für sechseinhalb
Minuten. Dann wird es wieder stillgelegt. Die "Heavy", oder das was
jetzt noch von ihr übrig ist, steigt auf einer steilen Ellipse weit
über die Erde auf. Auf dem Scheitelpunkt der Ellipse ist die
zweite Stufe mit dem Satelliten 36.500 Kilometer von der Erde entfernt.
03:03:23
Uhr:
Sonntagmorgen. Die letzte, gut drei Minuten dauernde Brennphase der
zweiten Stufe ist abgeschlossen. Ein kreisförmiger, nahezu
geostationärer Orbit ist erreicht. Die Inklination beträgt jetzt noch 4
Grad zum Äquator. Diesen Rest wird der Satellit später selbst
ausgleichen.
03:09:57 Uhr:
Trennung der Nutzlast.
Der "Defense Support Program 23" Satellit ist in seinem vorgesehenen
Orbit, nachdem er von der ersten operationellen Delta 4 Heavy direkt in
einen geostationären Orbit gebracht worden war. Damit ist der erste
Einsatzstart Amerikas schwerster unbemannter Rakete abgeschlossen.
|